In diesem Beitrag geht es um Seltene Erden: eine Gruppe von Elementen, ohne die unsere moderne Welt schlichtweg aufhören würde zu existieren. Wir blicken auf die geopolitische Herausforderung, das mächtige China-Monopol und klären ein für alle Mal, warum „Seltene Erden“ eigentlich gar nicht so selten sind – aber ihr Abbau eine wirtschaftliche und ökologische Herkulesaufgabe ist.

Diesen Artikel gibt’s übrigens auch auf die Ohren, als Podcast. Leg die Earbuds auf, und tauche ein in die Welt der Seltenen Erden. Hier ist der Link: PODCAST ZU SELTENEN ERDEN (SPOTIFY).

Stell dir für einen kurzen Moment vor, wir würden alle Seltenen Erden auf diesem Planeten schlagartig entfernen. Was würde passieren?

Dein Smartphone in der Tasche? Sofort schwarz. Die Windräder draußen auf den Feldern? Sie stünden still. Elektroautos würden keinen Millimeter mehr rollen und selbst lebensrettende Geräte wie MRTs in den Kliniken wären nur noch nutzloser Schrott.

Unsere hochtechnologisierte Welt hängt an einem seidenen Faden – und dieser Faden besteht aus genau 17 chemischen Elementen. Das Verrückte daran: Der Name „Seltene Erden“ ist eigentlich ein riesiger historischer Irrtum. Diese Elemente sind in der Erdkruste nämlich gar nicht so selten, wie man früher dachte.

Nehmen wir Cer, eine der sogenannten „leichten“ Seltenen Erden. Cer kommt in der Erdkruste mit einer Konzentration von etwa 60 Parts per Million vor. Das klingt nach wenig, aber zum Vergleich: Kupfer – das Metall, das wir tonnenweise für Kabel und Leitungen verbauen – liegt nur bei 55 Parts per Million. Cer ist also häufiger als Kupfer! – Warum also die Panik? Warum dieser Name?

Das Problem ist nicht die absolute Menge im Boden. Das Problem ist ihre Verteilung. Diese Elemente kommen fast nie in großen, konzentrierten Erzlagerstätten vor. Sie sind extrem fein in der Erdkruste verstreut. Selbst wenn wir eine Fundstelle entdecken, ist die Aufbereitung eine technologische Mammutaufgabe.

Bevor wir uns das anschauen, lass uns einen kleinen Exkurs zu zwei grundlegenden Fragen machen: Erstens, was sind eigentlich die häufigsten Elemente in der Erdkruste, und in welcher Gesteinsform kommen diese vor? Und zweitens: Woher wissen wir eigentlich so genau, in welcher Menge und welcher Konzentration Elemente in der Erdkruste vorkommen?

Um das klarzumachen: Die Erdkruste ist die äußerste, feste Schale unseres Planeten. Unter den Kontinenten ist sie im Schnitt 30 bis 50 Kilometer dick, unter den Ozeanen deutlich dünner. Und wenn wir uns ihre chemische Zusammensetzung ansehen, gibt es eine massive Dominanz von nur wenigen Elementen. Der unangefochtene Spitzenreiter ist Sauerstoff mit rund 47 Prozent Gewichtsanteil, dicht gefolgt von Silizium mit 28 Prozent. Zusammen mit Aluminium, Eisen, Calcium, Natrium, Kalium und Magnesium machen diese acht Elemente über 98 Prozent der gesamten Erdkruste aus!

Und in welcher Form finden wir sie? Nun, da Sauerstoff und Silizium so extrem dominant sind, ist es kein Wunder, dass über 90 Prozent der Erdkruste aus sogenannten Silikat-Mineralen bestehen. Das mit Abstand häufigste Mineral ist der Feldspat, der fast 60 Prozent der Kruste ausmacht, gefolgt von Quarz. Diese Minerale bilden das Grundgerüst der allermeisten Gesteine, wie etwa Granit oder Basalt.

Aber Moment mal – woher wissen wir das eigentlich so genau? Schließlich hat noch nie ein Mensch die gesamte Erdkruste durchbohrt. Die tiefste Bohrung der Welt, die Kola-Supertiefbohrung in Russland, endete bei gut 12 Kilometern – das ist gerade mal ein Kratzer an der Oberfläche.
Die Antwort lautet: Geochemie und moderne Analysetechnik. Geologen sammeln weltweit tausende Gesteinsproben aus allen zugänglichen Schichten. Diese Proben werden dann im Labor analysiert. Dafür nutzt man hochkomplexe Verfahren wie die Röntgenfluoreszenzanalyse oder die Massenspektrometrie. Durch die Kombination all dieser Daten und geologischer Karten können wir die Zusammensetzung der Erdkruste heute sehr präzise hochrechnen.

Aber zurück zu unseren Seltenen Erden. Deren geringe Konzentration und schwere Förderbarkeit hat uns in eine fatale geopolitische Abhängigkeit geführt. Wir blicken heute auf ein massives China-Monopol. Wie es dazu kam, wofür wir diese Stoffe genau brauchen, wie sie geologisch überhaupt entstehen und welche Umweltkatastrophen ihr Abbau mit sich bringt – genau das schauen wir uns in dieser Episode an. Wir werfen auch einen Blick auf die heutigen Förderstätten und wagen am Ende einen Ausblick: Können wir perspektivisch Technologien entwickeln, die ohne Seltene Erden auskommen? Und kann Recycling uns aus der Abhängigkeit befreien?

Erstes Kapitel: Wofür werden Seltene Erden genutzt?

Wofür werden Seltene Erden genutzt? – Fangen wir in unserem Alltag an. Seltene Erden sind die unsichtbaren Helfer unserer modernen Zivilisation. Wenn dein Smartphone vibriert, ist das ein winziger Magnet aus Neodym, der den Motor antreibt. Die brillanten Farben auf deinem Bildschirm? Europium und Terbium machen es möglich. Die kleinen, aber extrem leistungsstarken Lautsprecher in deinen Kopfhörern? Ohne Seltene Erden undenkbar.

Neben diesen alltäglichen Anwendungen gibt es aber noch einen weitaus größeren Treiber für den rasant steigenden Bedarf an bestimmten Seltenen Erden: die Energiewende. Grüne Technologien sind ohne sie schlicht nicht machbar. Das Zauberwort hier heißt: Permanentmagnete.

Nehmen wir ein modernes Windrad. Damit sich die Rotoren drehen und effizient Strom erzeugen, braucht es im Generator riesige Hochleistungsmagnete. Und in einem einzigen großen Windrad stecken bis zu 300 Kilogramm Seltene Erden!

Oder schauen wir auf die Straße: In fast jedem Elektroauto sitzt ein Elektromotor, der seine Kraft aus Permanentmagneten zieht. Pro Motor sprechen wir hier von etwa 1 bis 1,5 Kilogramm Neodym. Wenn wir nun bedenken, dass in den nächsten Jahren Millionen von Elektroautos gebaut werden sollen, wird schnell klar: Der Bedarf explodiert. Seltene Erden sind das Nadelöhr der Energiewende.

Zweites Kapitel: Wirtschaftliche Einordnung

Wie lässt sich diese Nachfrage in Zahlen übersetzen, wie groß ist der Markt für Seltene Erden?

Nach aktuellen Daten des US Geological Survey lag die weltweite Produktionsmenge im Jahr 2024 bei rund 380.000 Tonnen und stieg 2025 auf schätzungsweise 390.000 Tonnen an. Doch diese Masse verteilt sich keineswegs gleichmäßig auf die 17 Elemente – und das ergänzt nochmals das Gesamtbild. Denn die Elemente, die ich gerade als entscheidend vorgestellt habe für Elektromobilität oder Energiewnede – Neodym für Permanentmagnete, Dysprosium und Terbium für Hochleistungsmagnete – sind Stand heute mengenmäßig gar nicht die Hauptprodukte des Bergbaus.

Das mengenmäßig wichtigste Element ist Cer, das allein fast die Hälfte der weltweiten Fördermenge ausmacht, gefolgt von Lanthan mit etwa 25 Prozent. Cer ist dabei alles andere als unwichtig: Es steckt in jedem Autokatalysator, wo Ceroxid als Sauerstoffspeicher die Abgasreinigung ermöglicht. Es ist das Poliermittel, mit dem Smartphone-Displays und Präzisionsglas auf Hochglanz gebracht werden. Und es findet sich als Stabilisator in Keramiken und UV-Schutzgläsern. Lanthan wiederum ist unverzichtbar für Hochleistungsoptiken, Kameralinsen und Nickel-Metallhydrid-Batterien. Diese beiden Elemente sind also die mengenmäßigen Schwergewichte – und trotzdem kaum im öffentlichen Bewusstsein.

Die für Magnete so entscheidenden Elemente Neodym und Praseodym kommen zusammen auf knapp 20 Prozent der Fördermenge. Und die schweren Seltenen Erden wie Dysprosium oder Terbium, die für Hochleistungsmagnete in Windkraftanlagen und Elektroautos unverzichtbar sind, machen zusammen weniger als ein Prozent der globalen Produktion aus.

Und um diese 380.000 Tonnen Endprodukt zu gewinnen, müssen gewaltige Mengen an Gestein bewegt werden. Aber wie viel eigentlich? Das hängt zunächst vom sogenannten Erzgehalt ab – also dem Anteil des begehrten Metalls im Gestein. Es gilt: Die besten aktiven Seltene-Erden-Minen der Welt haben einen Erzgehalt von etwa 5 bis 7 Prozent Seltene-Erden-Oxide – Bayan Obo in China liegt bei rund 5 Prozent, Mountain Pass in Kalifornien sogar bei über 7 Prozent. Zum Vergleich: Kupfer gilt schon bei einem Erzgehalt von 0,5 bis 1 Prozent als wirtschaftlich abbaubar. Eisenerz wiederum liefert in den besten Lagerstätten 55 bis 65 Prozent reines Eisen. Und Lithium aus Hartgestein liegt in heutigen Abbaustätten bei 1,5 bis 3 Prozent Lithiumoxid.

Im nächsten Schritt müssen wir noch berücksichtigen, wie hoch der Anteil des Endprodukts am eigentlichen Erz ist. Der Erzgehalt von 5 bis 7 Prozent bezieht sich auf Seltene-Erde-Oxide – also die Verbindung aus dem Metall und Sauerstoff, in der die Elemente im Gestein gebunden vorliegen. Stellen wir auf den reinen Anteil an Seltenen Erden ab, müssen wir den Sauerstoffanteil herausrechnen. Und der ist überraschend gering: Seltene-Erden-Oxide bestehen zu rund 85 Prozent aus dem reinen Metall und zu nur 15 Prozent aus Sauerstoff. Der Umrechnungsfaktor ist also günstig. Gehen wir demnach von einem effektiven Gehalt an reinen Seltenen Erden von etwa 4,3 bis 6 Prozent aus, dann müssten wir rein rechnerisch für eine Tonne reiner Seltener Erden grob 17 bis 23 Tonnen Erz abbauen.

Will man über den gesamten Prozess des Abbaus bis zur Abraumbeseitigung den ökologischen Fußabdruck ermitteln, kann man eine Kennzahl heranziehen, die als Rock-to-Metal-Ratio bezeichnet wird. Diese Kennzahl erfasst per Definition die gesamte Materialmenge, die vom Rohgestein bis zum raffinierten Endprodukt bewegt und verarbeitet werden muss – also nicht nur das erzhaltige Gestein selbst, sondern auch den tauben Abraum, der vor dem Erz beiseitegeschafft werden muss, sowie die Aufbereitungsabfälle, die sogenannten Tailings: der gemahlene Schlamm und die Restgesteine, die nach der chemischen Laugung zurückbleiben. Der US Geological Survey ermittelt für Seltene Erden im globalen Durchschnitt einen Wert von 1:1.000. Wobei die Spanne enorm ist: von rund 16 zu 1 in den besten Carbonatit-Minen bis zu über 10.000 zu 1 bei den schweren Seltenen Erden aus chinesischen Ionenadsorbat-Tonen.

Zum Vergleich: Für Kupfer liegt dieses Verhältnis laut derselben USGS-Studie bei rund 500 zu 1, für Lithium aus Hartgestein bei etwa 1.600 zu 1 – und für Eisenerz, das in riesigen, hochkonzentrierten Lagerstätten vorkommt, bei gerade einmal 9 zu 1. Eisen ist also über hundertmal effizienter zu gewinnen als Seltene Erden.

Nehmen wir nur einmal die Menge an Gestein mit dem Erz – also ohne den Abraum –, dann müssen für die heutige Jahresproduktion an Seltenen Erden rund 7,6 Millionen Tonnen Gestein bewegt und verarbeitet werden. Stell dir vor, wir laden dieses Erz auf ganz normale Baustellenkipper – solche wie du sie täglich auf der Straße siehst, mit rund 15 Tonnen Ladegewicht. Wir bräuchten rund eine halbe Million solcher Fahrzeuge. Und stellen wir diese Stoßstange an Stoßstange auf, ergibt sich eine Kolonne von fast 4.000 Kilometern. Das ist in etwa die Strecke von Madrid bis nach Moskau – quer durch ganz Europa, von der iberischen Halbinsel bis weit hinter die russische Grenze. Und das wohlgemerkt nur für das Erz selbst – noch ohne den Abraum und die Aufbereitungsabfälle, die beim Rock-to-Metal-Ratio von 1:1.000 noch dazukommen.

Das sind gigantische Zahlen. Und dennoch gilt, dass Seltene Erden mit einem globalen Umsatz von rund 5,4 Milliarden US-Dollar im Jahr auf dem Rohstoffmarkt insgesamt eine Nebenrolle spielen. Zum Vergleich: Der globale Kupfermarkt hatte 2024 ein Volumen von rund 270 Milliarden US-Dollar – also dem Fünfzigfachen. Der Eisenerzmarkt brachte es im gleichen Jahr auf rund 290 Milliarden Dollar. Und selbst Lithium, das neue Wundermittel der Energiewende, kommt auf rund 14 Milliarden Dollar Jahresumsatz – also immer noch fast dreimal so viel wie Seltene Erden.

Wir haben es hier also mit einem verhältnismäßig kleinen Markt zu tun, der aber eine völlig unverhältnismäßige, strategische Hebelwirkung hat. Es ist ein klassischer Flaschenhals. Ohne diese 5 Milliarden Dollar an Seltenen Erden stehen Industrien still, die Billionen wert sind – von der Autoindustrie über die Telekommunikation bis hin zur Rüstungsindustrie. Wer die Seltenen Erden kontrolliert, kontrolliert die Zukunftstechnologien. Und genau das macht sie so unfassbar wertvoll.

Drittes Kapitel: Geologische Grundlagen – Aussehen und Entstehung

Aber was genau sind Seltene Erden eigentlich?

Nun, wenn man den Begriff „Erden“ hört, denkt man unweigerlich an braunen Schmutz oder klumpigen Boden. Doch das ist irreführend. Seltene Erden sind Metalle! In ihrer elementaren, reinen Form sind sie eisengrau bis silbrig glänzend. Sie sind relativ weich – manche kann man sogar mit einem Messer schneiden.

Chemisch gesehen sprechen wir von einer Gruppe von 17 Elementen. Dazu gehören die 15 sogenannten Lanthanoide im Periodensystem – Namen wie Lanthan, Cer, Praseodym oder Neodym – plus die Elemente Scandium und Yttrium, die sich geochemisch ganz ähnlich verhalten. Die Tücke der Natur ist: Diese 17 Brüder und Schwestern kommen in der Natur niemals einzeln vor. Sie sind immer extrem eng miteinander vermischt.

Doch wie kommen sie überhaupt in unsere Erdkruste? Wie so oft gilt: Es gibt verschiedene Entstehungswege. Aber die wirklich großen, primären Vorkommen verdanken wir einem ganz bestimmten geologischen Prozess: dem Riftmagmatismus.

Stell dir vor, tief unter uns im Erdmantel brodelt es. Wenn tektonische Platten auseinanderreißen – Geologen nennen das „Rifting“ –, entstehen tiefe Risse in der Erdkruste. Es steigt Magma aus dem Erdmantel auf. Relevante Konzentrationen von Seltenen Erden finden wir dann, wenn diese magmatischen Gesteine überwiegend aus Carbonatmineralen bestehen. Und das ist extrem selten, denn meist bestehen Magmatite aus Silikaten. In diesen seltenen Fällen bilden sich sogenannte Karbonatite. Und diese Karbonatite bestehen zu mehr als der Hälfte aus Karbonatmineralien (also etwa Calcit oder Dolomit) und sind magmatischen Ursprungs – nicht etwa Sedimente.

Weltweit sind nur gut 500 solcher Carbonatit-Komplexe bekannt. Und genau hier, in Mineralien mit klangvollen Namen wie Bastnäsit, Monazit oder Xenotim, finden wir die Seltenen Erden in einer Konzentration, die den Abbau überhaupt erst lohnenswert macht.

Viertes Kapitel: Die Umweltproblematik

Doch dieser Abbau hat einen extrem hohen Preis. Der Weg ans Licht ist schmutzig, giftig und gefährlich.

Um die Seltenen Erden aus den Trägermineralen zu lösen, muss die chemische Keule geschwungen werden. Beim sogenannten In-situ-Leaching, das oft in Südchina angewendet wird, bohrt man Löcher in den Boden und pumpt aggressive Säuren tief in die Erde. Diese Säuren lösen die Metalle aus dem Gestein, und unten wird die giftige Brühe wieder aufgefangen.

Das Resultat ist oft eine ökologische Katastrophe. Die Säuren und Schwermetalle versickern im Boden und vergiften das Grundwasser. In den großen Abbaugebieten gibt es Flüsse, in denen schlichtweg kein Leben mehr existiert.

Dazu kommt ein weiteres, unsichtbares Problem: Die Radioaktivität. Seltene Erden sind in der Natur fast immer mit dem radioaktiven Element Thorium und manchmal auch mit Uran vergesellschaftet. Wenn man das Erz abbaut und aufspaltet, bleibt das radioaktive Thorium als Abfallprodukt zurück.

Die Bilanz ist erschreckend. Das berüchtigtste Beispiel ist der Tailings-Damm bei Bayan Obo in der Inneren Mongolei – ein gigantisches Auffangbecken, in dem über 150 Millionen Tonnen giftiger Aufbereitungsschlamm lagern, darunter rund 70.000 Tonnen radioaktives Thorium. Und dieser Damm hat kein ordentliches Abdichtungssystem. Sein Inhalt sickert ins Grundwasser – und bewegt sich mit 20 bis 30 Metern pro Jahr auf den Gelben Fluss zu, eine der wichtigsten Trinkwasserquellen Chinas. Dort und in Südchina mussten wegen der massiven Umweltverschmutzung und stark gestiegener Krebsraten in den sogenannten ‚Krebsdörfern‘ bereits tausende Menschen umgesiedelt werden.

Unsere schwerelose digitale Welt, auch die grüne Technologie haben eine materielle Kehrseite. Sie hat einen menschlichen Preis. Und die Vision der Grünen Wirtschaft ist genau das: Eine Vision. Wir tun also gut daran, diese materielle Kehrseite mitzudenken, wenn wir täglich Entscheidungen treffen.

Fünftes Kapitel: Förderstätten heute und in Zukunft

Das bringt uns unweigerlich zu der Frage: Wo passiert das alles? Und wer kontrolliert diesen Markt?

Die Antwort wird Dich nicht überraschen, das Thema wird seit geraumer Zeit medial stark diskutiert. Nämlich: CHINA. – Die Volksrepublik hat sich über Jahrzehnte eine beispiellose Monopolstellung aufgebaut. Rund 70 Prozent der weltweiten Förderung finden heute in China statt. Das Epizentrum ist die Bayan-Obo-Mine in der Inneren Mongolei – die mit Abstand größte Lagerstätte der Welt. Hier fallen die Seltenen Erden praktischerweise als Nebenprodukt des Eisenerzabbaus an, was die Kosten extrem drückt.

Doch Chinas wahre Macht liegt nicht nur im Abbau, sondern in der Verarbeitung. Fast 90 Prozent der weltweiten Verarbeitungskapazitäten liegen in chinesischer Hand. Die Trennung dieser 17 Elemente voneinander ist technologisch extrem anspruchsvoll. China hat hier massiv investiert, sogar eigene Studiengänge an Universitäten eingerichtet, um das Know-how zu zementieren.

Dabei war das nicht immer so. Bis in die 1990er Jahre waren die USA der Weltmarktführer, angetrieben durch die Mountain Pass Mine in Kalifornien. Doch durch Preisdumping, extrem niedrige Produktionskosten und das Ignorieren von Umweltstandards hat China den Westen systematisch aus dem Markt gedrängt. Mountain Pass wurde zwischenzeitlich sogar geschlossen. Die USA steuern inzwischen dagegen.

Aber was ist mit Europa? Die gute Nachricht: Auch wir haben Schätze im Boden. Und manche davon liegen näher, als man denkt. Wusstest du zum Beispiel, dass es in Deutschland selbst ein geologisch faszinierendes Vorkommen gibt? Am Kaiserstuhl, dem miozänen Vulkankomplex im südlichen Oberrheingraben in Baden-Württemberg, gibt es Carbonatite – und damit auch nachweisbare Seltene Erden. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die dortigen Sövite, also die grobkörnigen Calcit-Carbonatite, zu den Lagerstätten mit der weltweit höchsten Konzentration an Seltenen Erden gehören. Der Kaiserstuhl ist damit ein Paradebeispiel dafür, dass diese begehrten Rohstoffe auch mitten in Europa vorkommen.

Leider bleibt das ein geologischer Glückstreffer ohne wirtschaftliche Konsequenz. Der entscheidende Grund: Der Kaiserstuhl ist eine kleine, stark erodierte Vulkanstruktur. Es fehlen die tiefen, kompakten Erzkörper mit ausreichend hohen Konzentrationen, die einen rentablen Bergbau überhaupt erst ermöglichen würden. Und selbst wenn das anders wäre – der Kaiserstuhl steht unter strengem Naturschutz und liegt mitten in einem der bedeutendsten Weinbaugebiete Deutschlands. Bergbau wäre dort politisch und rechtlich schlicht undenkbar. Der Kaiserstuhl ist ein wunderschönes Zeugnis der Erdgeschichte – aber kein Rohstofflager.

Zurück zu den wirtschaftlich wirklich relevanten Lagerstätten in Europa: Die echten Hoffnungsträger Europas liegen weiter im Norden. Im Januar 2023 gab es einen Paukenschlag: Das schwedische Bergbauunternehmen LKAB meldete einen großen Fund in Kiruna, direkt neben einer riesigen Eisenerzmine. Es ist die sogenannte Per Geijer [Pär Jäjer] Lagerstätte.

Und es kommt noch besser: Im März 2026 wurde bekannt, dass der Fen-Komplex in Norwegen noch viel gigantischer ist als gedacht. Die Schätzungen belaufen sich dort auf fast 16 Millionen Tonnen – das mit Abstand größte Vorkommen in Europa.

Die schlechte Nachricht: Vom Fund bis zum fertigen Magneten ist es ein weiter Weg. Es fehlen Genehmigungen, es gibt Konflikte mit der indigenen Sami-Bevölkerung in Schweden, und der Aufbau von Minen und Verarbeitungsanlagen dauert viele Jahre. Kurzfristig wird uns das also nicht aus der Abhängigkeit befreien.

Sechstes Kapitel: Ausblick – Recycling und neue Technologien

Gibt es also einen anderen Ausweg aus dieser Falle? Helfen uns Innovation und Kreislaufwirtschaft?

Schauen wir zuerst auf das Recycling. Wenn wir die Metalle schon unter so großen Opfern aus der Erde geholt haben, sollten wir sie nicht auf dem Müll landen lassen. Doch die Realität ist ernüchternd: Aktuell werden in der EU weniger als ein Prozent der Seltene-Erden-Magnete recycelt.

Warum so wenig? Weil es unglaublich aufwendig ist. Alte Handys liegen in Millionen Schubladen. Sie zu sammeln, mühsam von Hand zu demontieren und die winzigen Magnete chemisch wieder aufzubereiten, ist in Europa mit unseren hohen Arbeitskosten oft schlichtweg teurer, als neues Material aus China zu kaufen.

Doch es gibt Hoffnungsschimmer – zumindest auf dem Papier. Im Mai 2024 hat das Technologieunternehmen Heraeus Remloy in Bitterfeld Europas größte Recycling-Anlage für Seltene-Erden-Magnete eröffnet. Dort können alte Magnete ressourcenschonend aufbereitet werden – und das mit 80 Prozent weniger CO2-Ausstoß im Vergleich zum Bergbau. Perspektivisch, so die Theorie, könnte allein diese Anlage ein Drittel des europäischen Bedarfs decken.

Die bittere Realität sieht allerdings Stand heute anders aus: Die Anlage ist aktuell meilenweit von einer wirtschaftlichen Auslastung entfernt. Medienberichten zufolge lag die Auslastung der 600-Tonnen-Anlage im Sommer 2025 bei gerade einmal einem Prozent. Der Grund? Die europäische Autoindustrie kauft weiterhin lieber das billige, staatlich subventionierte Material aus China. Recyceltes Material aus Europa ist schlichtweg zu teuer. Zudem ist es extrem aufwendig und logistisch schwierig, alte Magnete aus Elektroschrott überhaupt erst in ausreichender Menge einzusammeln. Ohne feste, gesetzliche Recyclingquoten droht dieses Vorzeigeprojekt also im harten Preiskampf unterzugehen.

Der zweite große Ausweg ist die Substitution, also der Verzicht auf Seltene Erden. Die Autoindustrie hat das Problem längst erkannt. Hersteller wie Tesla oder BMW investieren massiv in die Entwicklung von Elektromotoren, die ohne diese kritischen Metalle auskommen. BMW setzt beispielsweise auf fremderregte Synchronmaschinen, bei denen ein Elektromagnet den Dauermagneten ersetzt. Andere nutzen Asynchronmotoren. Diese Alternativen sind zwar manchmal etwas größer oder minimal weniger effizient, aber sie machen uns unabhängig von geopolitischen Erpressungen.

FAZIT

Wir sehen also: Seltene Erden sind Fluch und Segen zugleich. Sie sind der unsichtbare Motor unserer modernen Welt und der Schlüssel zu einer grünen Zukunft. Doch diese Zukunft erkaufen wir uns aktuell noch mit massiven Umweltschäden und einer gefährlichen geopolitischen Abhängigkeit. Der Weg nach vorn kann nur über kluges Recycling, neue Technologien und den verantwortungsvollen Aufbau eigener europäischer Lieferketten führen.

Author

Sebastian Zang hat eine herausragende Karriere in der IT-Branche aufgebaut und eine Vielzahl von Softwareprojekten mit einem klaren Fokus auf Automatisierung und Unternehmensentwicklung geleitet. In seiner aktuellen Rolle als Vice President Partners & Alliances bei der Beta Systems Software AG nutzt er seine umfassende Expertise, um technologische Innovationen auf globaler Ebene voranzutreiben. Als Absolvent der Universität Passau bringt Sebastian wertvolle internationale Erfahrung mit, die er in verschiedenen Märkten und Branchen gesammelt hat. Neben seiner technischen Kompetenz ist er als Vordenker in Bereichen wie Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Unternehmensstrategie anerkannt.