Die Reportage/Dokumentation ist eine schonungslose, bisweilen satirische Abrechnung mit der Politik bzw. mit den Versäumnissen der Politik, die Weichen für eine Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung zu stellen. Der Titel „Neuland“, ist freilich eine satirische Anspielung auf das Diktum von Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2013, das Internet sei noch „Neuland“ – zu einem Zeitpunkt, als Amazon in punkto Umsatz schon längst das Traditionsunternehmen OTTO auf dessen Heimatmarkt Deutschland überholt hatte und Facebook bereits 1,2 Milliarden Nutzer aufwies.

„Neuland – Wer hat die Macht im Internet?“: Ausstrahlung am 08.04.2020 (um 22.45 Uhr auf ARD), in der Mediathek verfügbar bis 08.04.2021. Link: Neuland Reportage

Auftakt der Reportage: Ein ehemaliger Sparkassenberater, der inzwischen als Influencer zum Star in China aufgestiegen ist, mit 10 Millionen Followern (sic!). Vom Sparkassenberater zum millionenschweren Influencer – die moderne Version des Vom Tellerwäscher zum Millionär. Ein Wunder. Ein Wunder der Digitalisierungsökonomie … die allerdings vor allem in China stattfindet, und nur mit time-lag im strukturkonservativen Deutschland. Die Reportage hat dafür eine polarisierende Bildersprache entwickelt: Dort das glitzernde China im Rausch der digitalen Wirtschaftsdynamik, hier die dörfliche Beschaulichkeit in Deutschland. Dazu Sätze des Ex-Sparkassenberaters (der mit einer Chinesin verheiratet ist), sinngemäß: Ich kenne ein deutsch-chinesischen Pärchens, das zunächst in Deutschland lebte, und irgendwann erklärte die Frau, sie wolle nicht mehr im Mittelalter leben.

Die zentrale politische Figur, um welche die Reportage kreist, ist die Politikerin Dorothee Bär, seit März 2018 Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. Ich habe sie bislang in der Digitalisierungsdebatte nicht wahrgenommen, für mich war das gewissermaßen die erste Begegnung. Was man sagen kann: Sie kommt nicht gut weg. Sie stolpert hilflos durch die Reportage, immer freundlich lächelnd, ein Konzept, eine politische Stoßrichtung wird nicht ansatzweise erkennbar. Falls sie jemals etwas Kluges über Digitalisierung gesagt hat, dann haben die Macher der Reportage das rausgeschnitten.

Kennen Sie übrigens das Onlinezugangsgesetz (OZG)? Hiermit haben sich Regierungen von Bund und Ländern verpflichtet, bis spätestens 2022 ihre Verwaltungsleistungen auch elektronisch über Verwaltungsportale anzubieten. Der Stand der Dinge (vgl. informationsplattform.ozg-umsetzung.de ) ist nicht einfach ernüchternd – „niederschmetternd“ trifft es besser. Fazit in der Reportage: Von 565 Verwaltungsleistungen ist noch keine als Online-Dienstleistungen verfügbar, bei dreien (3) lässt sich ein Online-Formular per Email einschicken, bei weiteren 17 ist ein Formular auszudrucken … Sie ahnen wie es weitergeht.

Die Reportage fällt nun allerdings nicht in der Kategorie „Investigativjournalismus“: Das ist alles nicht neu – sondern nur mit dynamischen Bildern auf den Punkt gebracht. Die Reportage liefert insofern eine leicht verzerrte Darstellung des Digitalisierungsstatus in Deutschland (die Grundaussage bleibt aber tendenziell richtig), da der Fokus auf eCommerce liegt, also B2C (es geht vor allem um den Online-Händler Zalando): In diesem Bereich ist Deutschland (eigentlich: ganz Europa) unstrittig hoffnungslos abgehängt, während die nächste Welle der Digitalisierung im Bereich B2B für Deutschland noch Potential birgt (Siemens ist #1 im Bereich Smart Factory, vgl. auch das Buch „Titelverteidiger. Wie die deutsche Industrie ihre Spitzenposition auch im digitalen Zeitalter sichert“).

Aber witzig: Das Digitale Angebot der Öffentlichen überholt das Fernsehprogramm. Denn die Sendung Neuland ist/war bereits seit März in der Mediathek verfügbar (ich habe mir das am 25. März angesehen), die Ausstrahlung im Fernsehen findet erst am 08. April statt. Toll!

Nachtrag (17. Mai 2020)

Die kritische Bewertung zum Stand der Digitalisierung in Deutschland, die in der Reportage „Neuland“ zum Ausdruck kommt, ist keineswegs Meinungsmache aus dem Redaktionsbüro. Die Leser des Online-Magazins „heise online“ (Fokus auf IT News) haben am 08. Mai 2020 wie folgt abgestimmt zur Frage „Hinkt Deutschland bei der Digitalisierung hinterher?“:

Umfrage auf heise online: Einschätzung zum Stand der Digitalisierung in DeutschlandAbbildung: Umfrage auf heise online (08. Mai 2020): Einschätzung zum Stand der Digitalisierung in Deutschland

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.