Die Digitalisierung im Personalbereich ist in besonderem Maße interessant: Zum einen betrifft sie uns ausnahmslos alle. Zum anderen ist dies ein besonders sensibler Bereich, wo schnell eine Reihe kritischer Fragen aufkommt: Wie gut ist etwa eine Künstliche Intelligenz darin, Menschen (wirklich) zu verstehen? Welche (ethischen) Grenzen sind zu beachten, wieviel „Mensch“ erfordert die Personalarbeit und wieviel „Automatisierung“ ist akzeptabel? Was ist mit ersten Vorstellungsgesprächen, die automatisiert von einer KI geführt werden? Wie steht es um die Nachvollziehbarkeit von Personalentscheidungen, die mithilfe einer KI getroffen werden?

Natürlich geht es nicht nur um Künstliche Intelligenz – aber diese Fragen stellen sich nichtsdestotrotz. Es geht natürlich auch um Lohnabrechnung, Zeiterfassung und vielerlei mehr.

Hier stelle ich 7 vielversprechende Start-Ups aus Deutschland vor, die nicht weniger als eine Revolution der Personalarbeit verfolgen. Fokus: Junge Unternehmen (nicht älter als 7 Jahre). Viel Spaß beim Schmökern!

Personio

Wer einen ersten Blick auf das 5 Jahre alte Start-Up wirft, ist schnell beeindruckt von den Zahlen. Das Unternehmen ist bereits auf fast 500 Mitarbeiter aufgewachsen, mehr als 2 000 Kunden in über 80 Ländern setzen die Software ein. Auf LinkedIn hat das Unternehmen über 18 000 Follower – das habe ich bei Start-Ups noch so gut wie nie gesehen.

Der Claim des Unternehmens: Personio stellt das „Betriebssystem für den Personalbereich“ bereit. Kurz: Eine All-in-One Software-Lösung für alle Themen im Personalbereich, das umfasst: Stellenausschreibungen, Digitale Personalakte, Zeiterfassung, Berechnung von Urlaubsansprüchen, Entgeltabrechnung, Dokumentation von Performancegesprächen und mehr. Zielgruppe: KMU mit bis zu 2 000 Mitarbeitern – und das weltweit.

Gründung in 2015. In München. Webseite: www.personio.de

Moberries

Im gleichen Jahr gegründet, aber mit einem anderen Fokus: Das Start-Up Moberries spezialisert sich darauf, den Rekrutierungsprozess effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Kandidaten werden von verschiedenen Jobplattformen konsolidiert, mithilfe eines KI-basierten Filters werden die relevantesten Kandidaten herausgesucht. Gleichzeitig liefert Moberries auch Analysen, die den Bewerbungsprozess optimieren und die Pipeline an aussichtsreichen Kandidaten erhöhen.

Das Start-Up hat bereits eine große Kundenbasis mit über 1 000 Unternehmen, darunter auch Blue Chip Unternehmen. Die Software ist im Übrigen auch in der vorgenannten All-in-One-Software von Personio integriert – und auch in der Lösung von SAP Success Factors.

Im Übrigen hat Moberries nicht nur etwas für Unternehmen zu bieten. Sondern auch für Jobsucher. Das Versprechen: „Erstelle Dein kostenloses Kandidatenprofil und gib’ dort deine Skills und Arbeitserfahrung an – unsere KI erledigt den Rest. Das Beste daran: Du brauchst kein Anschreiben um deinen Job zu finden!“

Gründung in 2015. In Berlin. Webseite: www.moberries.com

gradar

Eine klassische Herausforderung im Personalbereich ist die sogenannte Stellenbewertung: Dabei geht es darum, im ersten Schritt das Anforderungs- und Tätigkeitsprofil einer Stelle möglichst treffend und präzise zu erfassen. Im zweiten Schritt lässt sich die adäquate Vergütung bestimmen – und es lässt sich überprüfen, ob das Gehalt im Wettbewerbsvergleich angemessen bzw. kompetitiv ist.

Das Start-Up gradar stellt für diese Aufgabe eine einfach zu bedienende und webbasierte Software zur Verfügung. Das Motto: „Stellenbewertung einfach zu machen. Das ist unsere Mission.“ Hier ein Kurzvideo zum Angebot des Unternehmens:

Die beiden erstgenannten Unternehmen legen großen Wert auf Social Media Marketing: Die Anzahl der Follower fallen sehr unterschiedlich aus – auch wenn die Zeitpunkt der Unternehmensgründung nahe beieinander liegen: Während gradar gerade einmal 118 Follower hat, gilt im Vergleich: Personio mit über 18 000, Moberries mit über 3 500.

Gründung in 2014. In Düsseldorf. Webseite: www.gradar.com

Campusjäger

Das Start-Up Campusjäger ist ein gutes Beispiel, dass es neben dem Global Player LinkedIn im Bereich berufliche Netzwerke noch attraktive Nischen gibt, in denen sich erfolgreiche Geschäftsmodelle aufbauen lassen. Das Unternehmen fokussiert sich auf das Recruiting an Universitäten – von Praktika, Werkstudentenjobs bis hin zum ersten Job. Campusjäger ist in Deutschland Marktführer in dieser Disziplin.

Das Unternehmen beschäftigt bereits über 50 Mitarbeiter und hat im nächsten Jahr die Start-Up Phase hinter sich (per definitionem: bis zu 7 Jahre). Campusjäger fährt natürlich auch eine Content-Marketing-Strategie: Neben einem HR-Blog gibt’s auch Video Tutorials zur Fragen wie „Wie viel Gehalt biete ich einem Berufseinsteiger?“

Gründung in 2013. In Karlsruhe. Webseite: www.campusjaeger.de

Lofino

In Zeiten des Fachkräftemangels (Beispiel IT Industrie: ca. 124 000 laut Bitkom für 2019) gewinnt die Mitarbeiterbindung an Bedeutung. Tolles Gehalt, tolle Mission und tolles Office ist hierfür ein Baustein. Darüber hinaus spielen auch Mitarbeiter Benefits eine Rolle. Eben diese ist die tolle Mission von Lofino: Das Start-Up ermöglicht Arbeitgebern bei minimalem Aufwand einen flexiblen Zuschuss zu Mobilitätskosten, Gesundheitsmaßnahmen, Essen, Internet und derlei mehr zu gewähren. Und zwar steuervergünstigt!

Gründung in 2018. In Berlin (genauer: in Kleinmachnow). Webseite: www.lofino.de

Retorio

Lassen sich über die Videoanalyse eines Interviews / Vorstellungsgesprächs Aussagen über Persönlichkeitsmerkmale eines Kandidaten treffen? Das Start-Up retorio meint ja – und auch die Lufthansa oder HAPPYCAR sind davon überzeugt. Ein KI-Algorithmus analysiert Gestik, Mimik, den Sprachduktus, Wortwahl und derlei mehr. Ein Interview mit dem Co-Gründer Christoph Hohenberger auf TechCrunch vermittelt in 3 Minuten anschaulich, wie das Analyseverfahren angelegt ist und wie retorio etwa mit dem sensiblen Thema Datenschutz umgeht.

Es gibt übrigens eine 20-tägige Testphase. Probieren Sie’s mal aus. Und außerdem: Auch retorio ist in die All-in-One-Software von Personio integriert.

Gründung in 2018. In München. Webseite: www.retorio.com

BLUQUIST

Ebenso wie bei retorio geht es auch bei BLUQUIST darum, Stellen und Führungspositionen optimal zu besetzen. Und die Weiterentwicklung optimal auszurichten. Der Ansatz bei dem Start-Up aus Mannheim ist ein anderer: Die Daten werden mithilfe von Selbst- und Peer2Peer Assessments erhoben. Daraus ergibt sich ein Datenpool zu Persönlichkeit, Motivation, Präferenzen und Wohlbefinden.

Aus den Daten werden nutzbare Informationen gewonnen, und zwar entlang bekannter Analyseschemata wie etwa dem Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitsmerkmale oder dem Reiss Motivation Profile®

Gründung in 2018. In Mannheim. Webseite: bluquist.com

Spannende StartUps in weiteren Branchen und Unternehmensbereichen

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.