Wie verändert die Digitale Transformation eigentlich die Automobilindustrie? Welche digitalen Angebote, welche digitalen Geschäftsmodelle gibt es oder werden diskutiert? Der nachfolgende Artikel gibt einen Überblick, mit einer schwerpunktmäßigen Betrachtung des PKW-Marktes.

Zur Einordnung: Die Automobilindustrie bildet einen wichtigen Wirtschaftsbereich in Deutschland mit ca. 2 Mio. Beschäftigten und einem Anteil von etwa elf (11) Prozent am Bruttoinlandsprodukt.

Überblick zur Digitalisierung in der Automobilbranche

Die digitale Disruption in der Automobilindustrie ist gewaltig, es nimmt folglich nicht wunder, dass der CEO des größten Autoherstellers der Welt, Herbert Diess, erklärt hatte (Handelsblatt-Interview, 2018): “Die Autohersteller werden das Wettrennen um die neue Mobilität nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent gewinnen.” Es folgte eine Brandrede im Januar 2020 mit ähnlichem Tenor.

Die Veränderungsdynamik der Branche lässt sich am besten zusammenfassen mit dem Akronym ACES: Automated, Connected, Electric, and Shared Vehicles. Es geht um das Autonome Fahren (bzw. auch ADAS: Advanced Driver Assistant Systems), Elektrische Fahrzeuge, miteinander kommunizierende Fahrzeuge, Car-Sharing. All diesen Trends ist gemein, dass die Digitalisierung des Fahrzeugs zunimmt, anders ausgedrückt: Der Digitale Wertschöpfungsanteil am Fahrzeug steigt rasant. Ein modernes Fahrzeug hat heute etwa 130 Mio. Codezeilen an Software (LOC: Lines of Code), es ist bereits hundert Mal komplexer als ein Smartphone. Und es ist absehbar, dass die LOC auf 200 bis 300 Millionen ansteigen werden.

Eine Studie der der Strategieberatung McKinsey ( Automotive software and electronics 2030. Mapping the sector’s future landscape, Juni 2019) ermittelt ein jährliches Wachstum der Umsätze mit Embedded Software im Fahrzeug von ca. 10% bis zum Jahr 2030. Es kommen neue Instrumente hinzu, die vorwiegend digital gesteuert werden, etwa LIDAR (LIght Detection And Ranging). Hier ein schönes Interview mit dem Gründer Dr. Florian Petit von Blickpunkt, einem vielversprechenden deutschen High-Tech StartUp rund um die LIDAR-Technologie: LIDAR: Funktionsweise und Bedeutung für die Zukunft der Automobilindustrie

Die Digitalisierung in der Automobilbranche revolutioniert nicht nur das Produkt, sondern auch die Herstellung des Fahrzeugs, Stichwort Factory 4.0. Der Konzern Daimler ist hierbei führend, mit der Factory 56 in Sindelfingen entsteht die modernste Automobilproduktion der Welt. Alle verbauten Autoteile sind mit einem Funkchip ausgestattet, der Transport ist vollautomatisch, die Maschinen kommunizieren miteinander – und das weitgehend ohne menschliches Zutun. Unter Werksarbeitern hat die Fertigungsanlage auch den Spitznamen „fear factory“.

Neue Mobilität: Neues Zusammenspiel von Sammeltaxen, ÖPNV, Individualverkehr

Das Autonome Fahren Level 5 ist zunächst vertagt; rund um 2018 machte sich die Erkenntnis breit, dass bisherige technologische Konzepte noch nicht ausreichten, zuverlässige Autonome Fahrzeuge im normalen Straßenverkehr einzusetzen. Das schließt den Einsatz in Nischenbereichen (z.B. auf geschlossenem Gelände) nicht aus, mit Autonomen Fahrzeugen Level 5 im normalen Straßenverkehr vor 2030 sollte nach heutigem Erkenntnisstand niemand rechnen (wohl aber mit zahlreichen Innovationen im Bereich Fahrerassistenzsystemen).

Dennoch entsteht bereits heute eine Neue Mobilität, die Automobilkonzerne und Mobilitätsanbieter zur Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle zwingt. Wir befinden uns in einer Phase der Experimente, das Experiment mit dem Geschäftsmodell Car Sharing allerdings hat viele Anbieter zunächst ernüchtert: Es ist fraglich, ob dieser Car Sharing Markt unter den gegenwärtigen Bedingungen eine interessante, relevante Größe hat. Fakt ist, dass der Fahrzeugbestand für Car Sharing in Deutschland gerade einmal 0,04 Prozent des gesamten Fahrzeugbestandes ausmacht, viele Unternehmen haben sich folglich aus diesem Markt zurückgezogen, weil sie kein Geld damit verdienen. Mazda ist raus, Citroen, Opel, auch das Joint Venture von BMW und Daimler hat seine Aktivitäten stark zurück gestutzt.

Es ist dennoch absehbar, dass sich das Zusammenspiel von Individueller Mobilität und ÖPNV deutlich verändern wird – und zwar nicht erst mit dem Aufkommen Autonomer Fahrzeuge. Sogenannte Sammeltaxen (Pilotprojekte etwa in Berlin, BerlKönig) erweitern das Mobilitätsangebot, führen zu neuen Nutzungsmustern – und folglich auch zu einer Neubewertung des Individualverkehrs. Hier geht’s zu einem spannenden Interview (im Hy-Podcast) mit dem Gründer von Door2Door, Maxim Nohroudi: Podcast, Ausblick auf die Mobilität der Zukunft

Datenstrategie in der Automobilindustrie

Die Revolution in der Fahrzeugindustrie geht mit einem Paradigmenwechsel einher, der natürlich charakteristisch ist für die neue Digitale Ökonomie: Es geht um eine neue Service- und Komfortdimension, die sich mit konsequenter Datenstrategie und Implementierung eines Digital Twins für ein Fahrzeug erreichen lässt.

Ein Fahrzeug des Pioniers nicht nur des Elektrischen Fahrens, sondern auch einer von Anfang an konsequent umgesetzten Datenstrategie, nämlich Tesla, ist mit unglaublich vielen Sensoren ausgestattet sowie einer mächtigen Rechenpower. Die Datenmengen werden permanent an die Cloud von Tesla überspielt. Ziel ist es, auf Basis von Datenauswertungen das Fahren komfortabler, sicherer, verbrauchsoptimierter und „autonomer“ zu machen. Ziel ist ein Fahrzeug, das smarte, datengetriebene Entscheidungen treffen kann.

Es kommt eine Service-Dimension hinzu, die sich dem Konzept des Digital Twin erzielen lässt, einem „digitalen Abbild“ des Fahrzeugs. Diese Strategie des Digital Twin (der etwa in der Tesla-Cloud beheimatet ist) ermöglicht, dass das Fahrzeug der Werkstatt mitteilt, dass die Luftfederung am rechten Hinterrad anormales Verhalten aufweist und direkt einen Werkstatttermin vereinbart (bzw. eine Abholung des Fahrzeugs durch die Werkstatt auslöst, bei Bereitstellung eines Ersatzfahrzeugs).

Neue Player in der Automotive Industrie

Wie immer in Zeiten von industriellen Revolutionen treten neue Player auf, auch in der Automobilindustrie. Tesla hatte ich bereits genannt. Zeitweise verfolgt auch der britische Staubsaugerhersteller Dyson Ambitionen, ist jedoch in 2019 wieder aus dem Rennen ausgeschieden. Anfang 2015 gab es erste Gerüchte, auch Apple würde ein eigenes Fahrzeug entwickeln. Dieses Gerücht ist inzwischen zerstreut, aber Marktbeobachter gehen inzwischen davon aus, dass Apple – wenn auch nicht ein ganzes Fahrzeug – ein Hardware/Software-Paket für das Auto der Zukunft entwickelt.

Andere Player der Digitalindustrie sind bereits eingestiegen: Google mit dem Betriebssystem Android Automotive, das auf die Steuerung des Infotainment bzw. des gesamten Cockpits (inkl. Heads-Up-Display) ausgelegt ist, auch auf das Management der Klimaanlage. Die zum Volvo-Konzern gehörige Marke Polestar (elektrische Fahrzeuge) ist das erste Fahrzeug, das mit dem Google-Betriebssystem für Automobile ausgestattet sein wird. Weitere Automobil-Player sind interessiert bzw. haben den Einsatz bereits angekündigt: General Motors, Fiat Chrylser, Renault-Nissan, Mitsubishi. Das Umsatzpotential für Google schätzt die Unternehmensberatung A.T. Kearney auf ca. 100 Milliarden Euro allein bis 2025.

Übrigens, auch Microsoft ist ebenfalls bereits beteiligt, der Konzern aus Redmond unterstützt beispielsweise bei der Entwicklung des Fahrzeug-Betriebssystems für Volkswagen.

Cyber Security

Abschließend noch der Hinweis auf das Thema Sicherheit (vgl. auch meinen Blogartikel: Cyber Security, IoT, Neue Mobilität): Vielen dürfte außerdem der spektakuläre Hack eines Fahrzeugs (von Fiat Chrysler) in 2015 in Erinnerung sein, wo eine CyberSecurity Firma für das Magazin Wired remote die Kontrolle über das Fahrzeug übernommen hatte: Die Hacker konnten das Musiksystem steuern, den Scheibenwischer, sogar den Motor abstellen und – unter bestimmten Bedingungen – die Kontrolle über das Lenkrad übernehmen. Der Autokonzern musste 1,4 Mio. Fahrzeuge zurückholen. Einfallstor war das Infotainment-System, das von der Fahrzeugsteuerung nicht getrennt war.

Die Fahrzeuge der Zukunft erhalten ein Update over the air, die Fahrzeuge sind (wie bei Tesla) permanent mit der Cloud verbunden; es dürfte klar sein, dass IT Sicherheit für Automobilkonzerne eine Großbaustelle wird.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.