„Stell Dir vor, Du gehst zum Friseur. Abgemacht ist zum Beispiel Waschen, Schneiden, Föhnen für 50 Euro. Wenn aber der Friseur während dem Waschen plötzlich merkt, dass er kein Shampoo mehr hat und schnell weg muss, um mit einem weitaus teureren Produkt zurückzukommen, dann auch noch sagt, dass jetzt keine Zeit mehr für das Schneiden sei und er wegen dem teuren Shampoo alleine für das Waschen 60 Euro verlangen müsse, würdest Du dies zu Recht als einen Skandal empfinden. Bei einem App-Entwickler kann Dir aber so etwas ohne Weiteres passieren.“

“Wenn Dir ein Treuhänder eine halbfertige Bilanz und eine halbpatzig ausgefüllte Steuererklärung abgibt, akzeptierst Du es sicher nicht. Beim Software-Entwickler nimmst Du am Ende, was Du bekommst.“

Das sind ein paar Zitate aus der Plattform Quora. Eine Plattform, die ich übrigens sehr schätze, weil dort Diskussionen im Wesentlichen sachlich geführt werden – und auch die Diskussion um die obigen Thesen hat sich tatsächlich sehr sachorientiert entwickelt. Mir geht’s natürlich nicht um Quora, sondern um das bisweilen tragische Scheitern der Kommunikation zwischen Softwareentwicklern und deren Auftraggeber.

Es gibt ja Dutzende von Veröffentlichungen, Studien und Ratgebern zu diesem Thema, das Fazit ist immer ähnlich: Die IT fühlt sich missverstanden, konfrontiert mit einer Vielzahl von Anforderungen, die kaum priorisiert und bisweilen nicht einmal miteinander kompatibel sind. Auf Quora gibt ein erfahrener Softwareentwickler folgende Antwort auf die Frage, wieso Softwareprojekte bisweilen nicht im Zeitplan bleiben: „Der Softwarentwickler hat eine Schätzung abgeben, ihm wurden aber wichtige Aspekte verschwiegen die den Aufwand vergrößern.“ Und weiter: „Die Verantwortlichen ändern dauernd ihre Meinung und wollen was anderes, die Deadline wird aber nie angepasst.“

Zur Abschätzbarkeit von Softwareprojekten formuliert ein anderer Diskussionsteilnehmer: “Der Vergleich mit einem Handwerker hinkt: Nach 100 Pony-Frisuren weiß der Frisör vermutlich genau, wie lange das üblicherweise dauert. Softwareentwicklung ist aber in den allermeisten Fällen ein Prozess, wo AG und AN nur eine vage Vorstellung davon haben, was am Ende exakt herauskommen soll. Sind noch Systeme von Dritten einzubinden (APIs, Hardware), wird es umso schwerer, den tatsächlichen Aufwand abzuschätzen.“

Es wäre natürlich zu einfach, das Problem nur bei den Auftraggebern zu suchen. Es gibt in der Realität unerfahrene Entwickler, schlechte Projektmanager, unglückliche Projektorganisationen und Projekte, die von Anfang an mit dem falschen Budget ausgestattet sind. Es ist außerdem ein Fehlschluss anzunehmen, dass Agile Projektmanagementmethoden (wie beispielsweise Scrum) eine Antwort auf chaotische Auftraggeber wäre. Sich ständig ändernde Anforderungen haben immer einen Preis – auch in einem Agilen Softwareprojekt.

Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, Softwareentwickler hätten es aufgegeben, den (internen oder externen) Auftraggebern die IT-technischen Implikationen und Herausforderungen eines Softwareprojektes zu vermitteln; stattdessen Salamitaktik. Auf Quora dazu ein junger Diskutant: „Jemand, der große Erfahrung mit Projektmanagement hatte sagte mir, das Hauptproblem des Projektmanagements sei, wenn er dem Kunden sage, wie lang es dauert und wie viel es kostet, sagt der Kunde: Zu lang, zu teuer. Die Konkurrenz bekommt den Auftrag. Somit muss er eine unrealistische Schätzung abgeben und dann gute Gründe finden, warum es jetzt länger dauert und mehr kostet.“

Sie merken schon. Eine einfache Antwort gibt es nicht. Worauf wir uns sicherlich schnell einigen können: Es kann nicht schaden, wenn alle Beteiligte im anbrechenden Zeitalter der Digitalökonomie mehr Digitalkompetenz entwickeln. Ich persönlich würde mich besonders freuen als IT Dienstleister: Immer mal wieder muss ich Unternehmenskunden erklären, dass man ein Warenwirtschaftssystem in MS Excel nicht für 2 000 Euro entwickeln kann – ja, auch wenn der Kunde seine Excel-Lizenz schon mitbringt! (vgl. den Blog Alltag eines Softwaredienstleisters: Was kostet ein Warenwirtschaftssystem in MS Excel?).

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.