“Goodbye Amerika? Die USA und wir – eine Neuvermessung“, von: Rieke Havertz, aufbau Verlag, Erscheinung: November 2025, 22 Euro (gebundenes Buch)

Zunächst zur Autorin, einer ausgewiesenen Amerika-Expertin: Rieke Havertz, Jahrgang 1980, ist internationale Korrespondentin bei der ZEIT und seit 2020 Co-Host des Podcasts »OK, America?«. Mehrere Jahre hat sie aus Washington über das Land berichtet, in das sie sich vor über 20 Jahren verliebt hat – auch wenn sie manchmal an ihm verzweifelt. Havertz hat in Leipzig und an der Ohio University Journalismus und Amerikanistik studiert. Nach Stationen bei der taz ist sie seit 2016 bei DIE ZEIT. Sie lebt aktuell in den USA.

Von den staubigen Vorgärten in Dallas bis zur euphorischen MAGA-Kulisse in Washington D.C.: Die Autorin führt ihre Leserschaft dorthin, wo Amerika am intensivsten spürbar ist. Ob im Gespräch mit einem Waffenbesitzer oder bei einem Besuch in ihrer alten Studienstadt im „Heartland“ Ohio – es sind diese präzisen Alltagsmomente, die das Buch so greifbar machen. Hier werden komplexe gesellschaftliche Strömungen nicht nur erklärt, sondern in persönlichen Begegnungen sichtbar. „Goodbye, Amerika?“ ist kein Abgesang, sondern eine tiefgehende, feinfühlige Nahaufnahme eines zerrissenen Landes. Die europäische Perspektive ist in diesem Buch natürlich erkennbar, es ist der europäische Wertemaßstab, der die Beobachtungen von Rieke Havertz einfärbt.

Die Autoren leuchtet zentrale politische und gesellschaftliche Themenfelder aus. Einwanderung. Frauenrechte, Wokeness. Armut. Waffen. Sogar Countrymusik. Das Kapitel rund zu Kulturkampf rund um Universitäten, um die Metamorphose der Demokratischen Partei zu einer Partei der Hochschulabsolventen fand ich etwa besonders aufschlussreich:

Dazu die Autorin: „Menschen ohne Hochschulabschluss haben sich 2016 mehrheitlich von Trump angezogen gefühlt (…) 2020 und 2024 setzt sich das fort: Trump gewann bei den Menschen ohne College-Abschluss, die Demokraten bei denen mit“ (S. 44). Vor diesem Hintergrund lässt sich der beispiellose Kulturkampf der Trump-Regierung gegen die Universitäten nachvollziehen. Die Attacken waren bekanntlich drastisch, privaten Unversitäten wurden Fördergelder gestrichen, was etwa die im Medizinbereich international renommierte Johns Hopkins Universität zwang, 2000 Stellen zu streichen.

Der Kulturkampf gegen die Universitäten gründet dabei stark in einem konservativen Backlash gegen Wokeness, der Verbreitung von „linken“ Narrativen durch Universitäten oder Praktizieren von Affirmative Action Policies: „Die Columbia University in New York strich die neue Regierung 400 Millionen Dollar. Die Universität habe den Anti-Israel-Protest des Krieges in Nahost nicht richtig aufgearbeitet. Die Columbia knickte vor Trumps Foderungen ein (…). Die Harvard University schrieb in einem offenen Brief ihres Präsidenten Alan Garber im April 2025, dass sie sich eine Einmischung des Präsidenten verbitte und verteidigte die Unabhängigkeit der Universität. (…) Die Trump Regierung sperrte darauf hin zunächst Bundesmittel in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar und kündigte in einem nächsten Schritt an, ausländische Studierende, die in Harvard ausgebildet werden wollen, keine Visa mehr auszustellen.“ (S. 47f).

Was Rieke Havertz über alle Kapitel hinweg herausarbeitet, ist eine zunehmende und dramatische Spaltung der US-Gesellschaft entlang der Parteizugehörigkeiten – ein Riß, der bisweilen Kernfamilien auseinander reißt. Dazu zitiert die Autoren auch aus dem Bestseller „Why we’re Polarized“, des US-Journalisten Ezra Klein: „Die Tatsache, dass die Wähler Trump letztlich so behandelten, als wäre er nur ein weiterer Republikaner, spricht für das enorme Gewicht, das die Parteipolarisierung heute auf unsere Politik ausübt. […] Wir sind so sehr in unseren politischen Identitäten verhaftet, dass es praktisch keinen Kandidaten, keine Information, keine Bedingung gibt, die uns zwingen könnte, unsere Meinung zu ändern. Wir werden fast alles und jeden rechtfertigen, solange es unserer Seite hilft, und das Ergebnis ist eine Politik ohne Leitplanken, Standards, Überzeugung oder Verantwortlichkeit“. (S. 37)

Empfehlenswert neben dem Buch sind folgende Podcasts mit Rieke Havertz. Zum einen der Podcast „OK, America?“, unter folgendem Link abrufbar: PODCAST – OK, AMERICA?

Zum anderen ein Gespräche zwische Rieke Havertz mit dem Podcaster Scobel: „Europa ahnungslos? – scobel im Gespräch: Mit Rieke Havertz“

Viel Spaß bei der Lektüre!

Author

Sebastian Zang hat eine herausragende Karriere in der IT-Branche aufgebaut und eine Vielzahl von Softwareprojekten mit einem klaren Fokus auf Automatisierung und Unternehmensentwicklung geleitet. In seiner aktuellen Rolle als Vice President Partners & Alliances bei der Beta Systems Software AG nutzt er seine umfassende Expertise, um technologische Innovationen auf globaler Ebene voranzutreiben. Als Absolvent der Universität Passau bringt Sebastian wertvolle internationale Erfahrung mit, die er in verschiedenen Märkten und Branchen gesammelt hat. Neben seiner technischen Kompetenz ist er als Vordenker in Bereichen wie Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Unternehmensstrategie anerkannt.