Zu Beginn der Woche hatte ich das Vergnügen einer Geschäftsreise nach Belgrad für ein Meeting mit einem potentiellen Vertriebspartner, der sich für den Vertrieb der Automation Platform ANOW! Suite von Beta Systems Software AG interessierte. Die Plattform wird von einschlägigen Analysten wie Gartner oder Enterprise Management Associates als eine führende Software gerated.
Belgrad gilt als „Berlin des Balkans“ und – man darf das so sagen – macht einfach Spaß. Ich komme gleich darauf, warum. Vorab aber einen großen Dank an meinen Kollegen Miroslav Jelicic, der als exzellenter Technologie Connoisseur und Vertriebsmann mit viel Erfahrung South Easter Europe bespielt. Als waschechter Belgrader hat er mich mit den besten Insider-Tipps versorgt, um meine Quality Time zu maximieren. Angefangen von der Hotelempfehlung (Mama Shelter) bis hin zu Hinweisen auf die Best-Of kulturellen Highlights.
Bei meiner Stadterkundung habe ich sehr konsequent Gemini zu meinem persönlichen City Guide gemacht. Ein sehr kundiger City Guide im Übrigen, dem man zu allen möglichen Randthemen unendlich viele FollowUp Fragen zurufen kann. Mit Smartphone, Earbuds bin ich also tief in Stadtgeschichte und Architektur eingetaucht.
Auch wenn sich nun jeder per LLM selbst tiptop ein Bild von Belgrad verschaffen kann bzw. könnte, möchte ich doch ein paar Themen hervorheben. Nicht zuletzt einige Themen, die mich als Hobby Geologen fasziniert bzw. beschäftigt haben.
Shoppen & Rauchen
Das Hotel „Mama Shelter“ ist direkt im Rooftop einer Shopping Mall. Und hier gibt’s den ersten kleiner „Kultur-Schock“: Denn während in Mitteleuropa sonntags die Rollläden runtergehen, herrscht in Belgrad Hochbetrieb. In Serbien (auch: in Rumänien) wird der Sonntag als wichtiger Konsumtag gesehen, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Die Malls fungieren in Belgrad oft als soziale Treffpunkte (Family Entertainment), nicht nur zum Einkaufen. Das gilt nicht für die gesamte Region, in Kroatien etwa hat die katholische Kirche starken Einfluss auf die Gesetzgebung genommen, um den Sonntag als Ruhetag zu schützen. In Serbien ist die orthodoxe Kirche zwar präsent, mischt sich aber kaum in die Ladenöffnungszeiten ein.
Shopping am Sonntag ist grundsätzlich ein Kultur-Schock, der nicht wirklich wehtut. Woran man sich aber wirklich eher schwer gewöhnt: Das Rauchen ist in Serbiens Kultur tief verwurzelt, ein deutlich größerer Anteil der Bevölkerung raucht, und Rauchen ist omnipräsent: Im Café, im Restaurant, Outdoor sowieso. So etwa im empfehlenswerten Restaurant „?“ (Znak pitanja), das quasi ein lebendiges Denkmal ist. Es gilt als die älteste noch in Betrieb befindliche Kafana (=Wirtshaus) Belgrads, erbaut 1823. Das Essen ist lecker, das Bier ist gut … und es wird ununterbrochen geraucht. Die (niedrige) Decke im Eingangsbereich hat eine charakteristische dunkle Patina, das Ergebnis von über 200 Jahren Tabak- und Holzrauch: Früher gab es keine Abzugshauben, und der Tabakrauch hat sich Schicht um Schicht in das Holz und den Putz gefressen. Zudem wurde das Haus früher mit offenen Feuerstellen und Öfen beheizt. Der Ruß der Holzfeuer hat über die Generationen hinweg für diese tiefe, dunkle Färbung gesorgt. Und man hat sich bei der Restaurierung bewusst dazu entschieden, diese „Patina“ zu erhalten, weil sie die Geschichte des Ortes atmet. Diese dunkle Patina steht somit ganz greifbar für die tief verwurzelte Kultur des Rauchens in Serbien.
Ein paar Basics aus der Geschichte
Es empfiehlt sich, mit ein paar Basics aus der Geschichte Serbiens, Belgrads und – im weiteren Sinne – Jugoslawiens vertraut zu sein. Eine wechselvolle Geschichte spiegelt sich in einer heterogenen Architektur wider, in zahlreichen Denkmälern, in Ruinen, auch in Tassen mit dem Konterfei von Wladimir Putin im Sortiment von Souvenir-Shops im Kaldemegdan Park.
Die Executive Summary ;- ) … Anfang des 13ten Jahrhunderts etablierte der Nationalheld Sava die vollständige kirchliche Unabhängigkeit der serbischen orthodoxen Kirche, die Autokephalie. Sein Bruder wurde schließlich zum König gekrönt.Ein weitere markante geschichtliche Phase ist die fast 300-jährige osmanische Herrschaft (1521–1867). Dem „Befreier“ Fürst Mihailo Obrenović sind im Stadtbild diverse Denkmäler gewidmet (u.a. eine Reiterstatue auf dem Platz der Republik). 1867 verließen die letzten osmanischen Truppen die Festung. In dieser Zeit begann die Europäisierung: Moscheen wurden abgerissen und prachtvolle Gebäude im Stil der Wiener Architektur errichtet.
Im zweiten Weltkriege erlebte Serbien / Belgrad eine brutale Besatzungszeit, bis die Stadt 1944 von Partisanen und der Roten Armee befreit wurde. Titos Partisanen gelang es, so viel Widerstand zu leisten, dass sie schließlich von den Alliierten (USA, UK und Sowjetunion) als offizielle Verbündete anerkannt wurden. Jugoslawien war im Übrigen das einzige besetzte Land, das sich zu einem großen Teil aus eigener Kraft (mit Unterstützung der Alliierten, aber ohne dauerhafte fremde Besatzungstruppen) befreite.
Belgrad war im Übrigen während der Ära Jugoslawien (1945–1991) von der Gründung des Staates nach dem Ersten Weltkrieg (1918) bis zum endgültigen Zerfall im Jahr 2003 das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Jugoslawiens.
Die 1990er: Zerfall und NATO-Bombardierung: Das dunkelste moderne Kapitel. Nach dem Zerfall Jugoslawiens und den darauffolgenden Kriegen unter Slobodan Milošević war Serbien isoliert. 1999: Während des Kosovokrieges bombardierte die NATO 78 Tage lang Ziele in Belgrad. Einige der zerbombten Ruinen (wie das ehemalige Verteidigungsministerium) stehen heute noch als Mahnmal mitten in der Stadt. Hier lässt sich ablesen, woher die Zerrissenheit zwischen westlicher Orientierung (Serbien ist EU Beitrittskandidat seit 2009) und Russland herrührt.
Größte Orthodoxe Kirche mit Steinen aus der ganzen Welt
Der neobyzantinische Dom des Heiligen Sava ist eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt, rund 10.000 Gläubige (und Touristen) finden darin Platz. Das Mosaik darin ist eines der gewaltigsten Kunstprojekte der modernen orthodoxen Welt. Es bedeckt insgesamt ca. 15.000 Quadratmeter. Zum Vergleich: Das ist mehr als zwei Fußballfelder voller Mosaiksteine an den Wänden und Decken. Es wurden dafür über 40 Millionen Steinchen (Mosaik-Tesserae) verwendet. Allein das Mosaik in der Hauptkuppel wiegt etwa 40 Tonnen.
Die Mosaike bestehen aus Glaspasten (Smalti) und echtem Blattgold, das zwischen zwei Glasschichten eingeschmolzen wurde. Das Gold korrodiert darum nicht und behält über Jahrhunderte seinen Glanz.
Apropos Gold: zu der „dunklen Seite“ der Goldgewinnung komme ich gleich noch, vorab ein Faszinosum rund um die Verarbeitungsfähigkeit. Es wird geschätzt, dass rund 500 Kilogramm Gold im Dom des Heiligen Sava verarbeitet wurden.
Zunächst: Wenn du diese 500 kg Gold als einen einzigen Würfel gießen würdest, wäre er überraschend klein. Gold ist extrem dicht (19,32 g pro Kubikzentimer). Ein 500-kg-Block wäre ein Würfel mit einer Kantenlänge von nur etwa 29,6 cm – also kaum größer als ein großer Schuhkarton [sic!].
Und wenn Du nun 1 Kilogramm reines Gold zu standardmäßigem Blattgold verarbeitest, erhältst du eine Fläche von etwa 500 bis 600 Quadratmetern. Um dir eine Vorstellung zu geben: Das ist fast die Fläche von drei Tennisplätzen – und das alles aus einem Goldklumpen, der kaum größer ist als eine Standard-Butterpackung (250 g).
Der Dom des Heiligen Sava ist auch in anderer Hinsicht ein Projekt der Superlative, gerade aus geologischer Perspektive. Von außen strahlt der Dom in reinem Weiß. Es handelt sich dabei um weißen Pentelischen Marmor, heißt: aus den Steinbrüchen vom Berg Pentelikon bei Athen. Das ist derselbe Marmor, aus dem auch der Parthenon auf der Akropolis gebaut wurde.
Und auch im Inneren wurde geklotzt, nicht gekleckert. Hier dominiert nicht nur eine Sorte Marmor, sondern ein Mix aus verschiedenen Marmorarten und Granit: Viele der feinen Bildhauerarbeiten und Verkleidungen im unteren Bereich bestehen aus dem klassischen weißen Carrara-Marmor aus der Toskana. Es gibt zudem viele dunkelgrüne Elemente, das ist Grüner Marmor aus Guatemala: Dieser Stein ist eigentlich ein Serpentinit, wird aber im Handel als Marmor geführt. Der sichtbare rote Marmor stammt oft aus lokalen Steinbrüchen in Serbien oder aus dem Nahen Osten und symbolisiert traditionell das Blut der Märtyrer.
Es gibt noch mehr spannende Details zu erzählen, aber dabei belasse ich es einmal …
Belgrad, die weiße Stadt
Wo wir gerade bei der geologischen Perspektive auf Belgrade sind: Belgrad bedeutet übersetzt: „Die weiße Stadt“. Warum? – Die Festung Kalemegdan und der Kern der Altstadt stehen auf einem Kalksteinplateau, das Geologen als Sarmatischen Kalkstein bezeichnen. Vor Millionen von Jahren war dieses Gebiet vom Pannonischen Meer bedeckt. Der Stein besteht aus den Überresten von unzähligen Muscheln, Korallen und marinen Mikroorganismen. Wenn dieser Kalkstein frisch gebrochen wird oder von der Sonne beschienen wird, leuchtet er hellweiß bis gelblich-weiß.
Stell dir vor, du wärst ein Händler oder ein Soldat im Frühmittelalter (ca. 9. Jahrhundert) und würdest die Donau oder die Save flussaufwärts fahren. Du siehst einen hohen Bergrücken (den heutigen Kalemegdan), der aus dem Sumpfland und den dunklen Wäldern der Umgebung herausragt. Auf diesem Hügel glänzten die hellen, weißen Kalksteinmauern der damaligen Festung in der Sonne.
Als die Slawen die Stadt im Jahr 878 n. Chr. zum ersten Mal in einem Brief des Papstes als „Alba Graeca“ oder „Beograd“ erwähnten, war dies genau der Grund: Die leuchtend weiße Silhouette über den Flüssen.
Jadarit – Lithium für Europa?
Am Flughafen auf dem Weg nach Belgrade bin ich auf Media Coverage zu erheblichen Lithium-Vorkommen in Westserbien gestoßen, im Jadar-Tal. Die Vorkommen könnten Serbien zu einem Schlüsselspieler der grünen Wende machen, dem stehen aber massive ökologische Risiken gegenüber.
Das Unternehmen Rio Tinto entdeckte im Jadar-Tal ein einzigartiges Mineral namens Jadarit, das hohe Konzentrationen an Lithium und Bor enthält. Es wird geschätzt, dass dort genug Lithium liegt, um den Bedarf für bis zu 1,1 Millionen Elektroautos pro Jahr zu decken. Das entspräche etwa 10 % des prognostizierten europäischen Bedarfs.
Im Jahr 2024 und verstärkt bis 2026 hat sich die EU (insbesondere Deutschland) massiv für das Projekt eingesetzt. Denn aktuell dominiert China noch die Lithium-Verarbeitung. Ein europäisches Vorkommen in Serbien würde die Abhängigkeit der deutschen Automobilindustrie von Asien drastisch verringern.
Diesen wirtschaftlichen Chancen stehen jedoch erhebliche ökologische Risiken gegenüber, es hat sich in Serbien eine riesige Protestbewegung gegen das Projekt formiert. Kritiker befürchten eine irreversible Verseuchung des Grundwassers und der landwirtschaftlich genutzten Flächen durch den Bergbau und die chemische Trennung des Lithiums.
Und im Gespräch mit Kennern der Situation wird schnell klar, dass die Risiken keineswegs theoretisch sind. In Ostserbien, wo Gold und Kuper abgebaut wird, lässt sich ablesen, welche Konsequenzen die Vergabe von Bergbaurechten an ausländische Konzerne unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen mit sich bringt: In Ostserbien, besonders rund um die Städte Bor und Majdanpek, konzentriert sich der Kupfer- und Goldbergbau, der seit 2018 maßgeblich von einem chinesischen Bergbauunternehmen kontrolliert wird.
Bor gilt seit Jahrzehnten als einer der „schmutzigsten Orte Europas“, doch mit der Intensivierung der Förderung durch China hat sich die Dynamik verändert: Messstationen zeigen regelmäßig massive Überschreitungen der Grenzwerte für Schwefeldioxid () und Schwermetalle wie Arsen, Blei und Cadmium. In manchen Nächten liegt ein beißender Geruch über der Stadt, der das Atmen erschwert. Abwässer aus den Minen und Flotationsanlagen gelangen oft ungefiltert in lokale Bäche und Flüsse (wie den Borska reka), die biologisch praktisch tot sind. Diese Schadstoffe sickern ins Grundwasser und belasten die Landwirtschaft. Für neue Tagebaue werden ganze Wälder gerodet und Dörfer (wie Krivelj) müssen umgesiedelt werden, da die Risse in den Häusern durch Sprengungen unbewohnbar werden.
Wissenschaftliche Studien und Berichte lokaler Gesundheitsorganisationen zeichnen ein düsteres Bild: Die Rate an Asthma, chronischer Bronchitis und anderen Lungenerkrankungen liegt in Bor weit über dem Landesdurchschnitt. Es gibt eine statistisch auffällige Häufung von Krebserkrankungen, insbesondere der Lunge und der Verdauungsorgane. Und Untersuchungen bei Kindern in der Region haben teils erhöhte Blei- und Arsenwerte im Blut nachgewiesen, was die neurologische Entwicklung beeinträchtigen kann.
Zweifelsohne gehöre ich zu den Verfechtern einer Digitalen Europäischen Souveränität, einer Energie- und Verkehrswende; die Risiken und Chancen einer solchen Souveränität und neuen Ausrichtung der Wirtschaft müssen aber fair verteilt sein. Bergbau und nachgelagerte Stufen der Aufbereitung sind ein dreckiges Geschäft, da müssen wir uns ehrlich machen. Dies müssen wir politische so gestalten, dass das sozial fair ausgestaltet wird und ökologische Kollateralschäden vermieden werden. Davon sind wir noch weit entfernt. Aktuell würde ich mich ganz klar auf Seiten der Protestbewegung stellen.