Daten sind das neue Gold: Das ist die neue Binsenweisheit einer zunehmend datengetriebenen Ökonomie. Darum sicherte sich Google den Zugriff auf die Gesundheitsdaten des zweitgrößten Gesundheitssystems in den USA, Ascension. Darum positioniert die Telekom die Plattform Data Intelligence Hub, wo Daten sicher und effizient ausgetauscht, sowie analysiert werden können. Und angesichts der Dominanz von US-Playern wie Amazon (46% des Onlinehandels in Deutschland in 2017) wird – zu Recht – „Data Sharing“ gefordert, so dass auch kleinere Anbieter (auf dem Amazon Marketplace) ihre Marketingkampagnen effizient ausrichten können. Die Logik des wirtschaftlichen Erfolgs wandelt sich: Es ist nicht mehr allein der (deutsche) Erfindergeist, sondern die Erfolgsformel lautet zunehmend Daten, Daten, Daten.

Daten sind die Grundlage, um Prozesse effizienter auszurichten oder ganz zu automatisieren, um Lagerhaltung zu optimieren, das Kundenengagement zu optimieren und derlei mehr. Auf dem Data Intelligence Hub findet sich ein illustratives Beispiel für einen Logistikdienstleister: „Mit Hilfe des Data Intelligence Hubs ist der Dienstleister in der Lage durch Analyse eines fusionierten Datenpools aus eigenen Daten, importierten Wetterdaten und vorhanden historischen Schifffahrtsdaten mit aktuellen Verkehrsdaten an Kanälen eine zielgerichtete und exaktere Prognose zum Transportfortschritt zu geben.“

Haben wir genug Daten? Oder anders formuliert: Haben wir genug Daten, um uns (heißt: Die Deutsche Wirtschaft oder vielmehr Europa) im Wettbewerb mit den Big Playern aus den USA und China zu behaupten? Der Accenture-Geschäftsführer Frank Riemensperger verweist in seinem Buch „Titelverteidiger“ darauf, dass Deutschland über 1 Milliarde Geräte und Maschinen weltweit exportiert habe, ein exzellenter Aufsatzpunkt für die Erfassung von Daten und – damit einhergehend – den Aufbau von datenbasierten Geschäftsmodellen rund um Predictive Maintenance und Ähnliches.

Wer eine Vorstellung von der Wucht hat, mit der China im Bereich Künstliche Intelligenz und datengetriebene Geschäftsmodelle vorstößt (vgl. etwa „AI-Superpowers. China, Silicon Valley und die Neue Weltordnung“), dem schwant, dass Deutschland/Europa hier noch zu schwach aufgestellt ist. Erst im vergangenen September habe ich nochmals eine eindrückliche Vorstellung davon erhalten, in welch vorteilhafter Ausgangsposition sich chinesische Unternehmen befinden. Key Note Speech des Chief Innovation Officers Jonathan Larsen von Ping An, einem chinesischen Finanzinstitut, und zwar auf einem Kongress von Finleap, einem der größten europäischen Fintech Facilitators. Ping An verfolgt eine fokussierte Strategie von KI, Blockchain, Datamining. Dazu stehen dem Unternehmen nicht nur 30.000 Mitarbeiter im R&D Bereich zur Verfügung, sondern auch die Daten von etwa 500 Mio. Internetnutzern, 200 Mio. Kunden und 400 Mio. jährlicher Service Calls. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank hat etwa 20 Mio. Kunden in Deutschland, die Commerzbank etwa 18 Millionen Privat- und Unternehmenskunden.

Die Deutsche Wirtschaft (bzw. Europäische Wirtschaft) ist hier mit erheblichen Größenvorteilen seitens der Big Player aus den USA und China konfrontiert. Angesichts der Null-Grenzkosten ist das eine Riesenherausforderung. Eine Antwort sind Kooperationen zwischen deutschen und auch zwischen europäischen Unternehmen. Die Tatsache, dass diese zunehmend zustande kommen, zeugt von der strategischen Zwangslage. Man denke – für den Bereich Produktentwicklung – an das Joint Venture Share Now zwischen Daimler und BMW, oder auch die länderübergreifende Kooperation zwischen Telekom und dem französischen Pendant Orange bei der Entwicklung eines Sprachassistenten.

Die europäische Wirtschaft sollte über Kooperation im Europäischen Wirtschaftsraum hinausdenken. Vorschlag: Indien. Indien hat zwar keineswegs die wirtschaftliche Bedeutung wie China, auch ist die Mittelschicht hier noch weniger kaufkräftig. Aber in punkto Bevölkerung spielt Indien in der gleichen Liga wie China, im Jahr 2025 wird Indien das Nachbarland China sogar nach Bewohnern überholen. Indien ist der weltweit zweitgrößte Mobilfunkmarkt, die technologische Affinität ist sehr hoch. Es kommt hinzu, dass Indien eine leistungsfähige IT Industrie hat, als Implementierungspartner für eine Daten- / Datenauswertungsstrategie. Warum nicht etwa eine Kooperation zwischen dem eCommerce Player OTTO.de und dem indischen Pendant Flipkart: Flipkart erreicht in Indien einen Marktanteil von ca. 44% mit ca. 80 Mio. Produkten im Sortiment und ca. 8 Mio. Sendungen pro Monat. Beide eCommerce Player stehen im Hauptwettbewerb mit dem (übermächtigen) Amazon, geographische Überschneidungen zwischen beiden Playern dürfte es kaum geben.

Es gibt in allen Branchen große nationale Player mit großer Kundenbasis: Im Bankensektor etwa die State Bank of India (SBI) mit etwa 400 Mio. Kunden, über 24.000 Niederlassungen in Indien und einem global footprint in weiteren 35 Ländern. Im Bereich Telekommunikation hat Reliance Jio etwa 400 Mio. Kunden, Indiens größter Online-Lebensmittelhändler BigBasket hat über 10 Mio. registrierte Nutzer, das Sortiment umfasst 20.000 Produkte, pro Monat werden etwa 1 Mio. Bestellungen ausgeliefert. Die Airline IndiGo mit einem Marktanteil von nahezu 50% an Inlandsflügen im indischen Markt, insgesamt etwa 65 Mio. Passagiere (etwa die Hälfte der Lufthansa). Die größte Online-Reisevermittlungsplattform MakeMyTrip verkauft jährlich etwa 15 Mio. Buchungen bzw. Reisepakete, hierbei sind monatlich etwa 20 Mio. Nutzer aktiv per Desktop, weitere 25 Mio. per Mobile.

Natürlich, der europäische Wirtschaftsraum und Indien sind in vielerlei Hinsicht unterschiedlich, der kulturelle Kontext unterscheidet sich, die schwächere Wirtschaftskraft des Emerging Country India bedingt andere Nachfragemuster, abweichende Anforderungen an Produkte und Dienstleistungen; die urbane Mittelschicht nähert sich in Lebensweise und Konsumverhalten jedoch zunehmend dem westlichen Muster an. Aber das ist keineswegs ein Showstopper: Indien und Europa sind hinsichtlich Sprachenvielfalt und kultureller Diversität gut vergleichbar, eben diese Heterogenität muss ohnehin in der Datenstrategie und Data Science Modellen abgebildet werden. Diese Heterogenität kann darum ein entscheidender Vorteil sein: Je eher diese analytischen Modelle andere kulturelle Kontexte und andere Nachfragemuster berücksichtigen, desto universaler sind diese einsetzbar.

Für die Vision einer solchen Indo-Europäischen Kooperation sollten sich nicht nur Unternehmen einsetzen, auch die Regierung kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Indien hat bis dato noch keine Datenstrategie oder KI-Strategie, geschweige denn ein ehrgeiziges Programm, das jener KI-Strategie Chinas auch nur annähernd vergleichbar wäre. Ich hatte in einem engen Gesprächskreis die Gelegenheit, mit einem der Regierungssprecher, Mr. Nalin Satyakam Kohli (Supreme Court Advocate and National Speaker of BJP), diese Frage zu diskutieren. Er deutet an, dass daran gearbeitet werden, kurz: hier besteht die Möglichkeit zur Einflussnahme, es besteht Gesprächsbereitschaft. Klar ist, dass eine solche Kooperation eine klare Win-Win-Situation herstellen würde, von der in Indien nicht nur die beteiligten Kooperationspartner, die indische IT Industrie (als Implementierungspartner) und die wirtschaftliche Entwicklung Indiens profitieren würde. Und natürlich die europäischen Partner.

Nachtrag (Mai 2020)

In diesem Kontext sollte auch unbedingt die IT StartUp Szene in Indien Erwähnung finden, die seit einigen Jahren eine beeindruckende Dynamik aufweist. Es gibt natürlich auch Herausforderungen wie hoher CashBurn aufgrund der Blitz Scaling-Strategien (etwa auch bei Silicon Valley-Firmen wie Uber, Lyft), Red Tape Bürokratie oder steuerlichen Disputen von Investoren; aber die StartUp Szene bleibt nichtsdestotrotz spannend: Es gibt etwa 80 000 StartUps, in den letzten Jahren sind signifikante Investorengelder in die StartUp Szene Indiens geflossen (2019: ca. 10 Mrd. US-Dollar). Bekannte Namen sind Flipkart (Walmart hatte hier medienwirksam für 16 Mrd. US-Dollar einen Mehrheitsanteil erworben, in 2018), Ola (Konkurrent zu UBER), Swiggy und Zomato (Essens-Auslieferung), BigBasket (Online Supermärkte), Zoomcar (Autovermietung), Byju’s (Bildung) oder HighRadius.

Besonders verblüffend: Man konnte in der Ausgabe von The Economist vom 4ten April 2020 lesen, dass sich unter den TOP10 Globalen Unicorns auch ein Indisches StartUp befindet, nämlich das FinTech-Unternehmen One97 Communication. Unter den TOP10 findet sich kein europäisches Unternehmen, dafür 4 Einhörner aus China, 4 aus den USA und eines aus Singapur.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.