Bevor ich in das Thema einsteige, das der Titel umreißt, erlaube ich mir zwei, drei Sätze zum Hobby Geologie: Die Faszination dafür rührt von mehreren Aspekten her. Es ist zunächst einmal ein Wissensgebiet, das die Grundlage für ein tieferes Verständnis so vieler Lebensbereiche schafft: Unsere unmittelbare Lebensumgebung (Entstehung der Welt und unserer Landschaften), wirtschaftliche Aktivitäten (Rohstoffe / Bergbau sowie Landwirtschaft / Bodenqualität) oder Klimabedingungen und -veränderungen (über verschiedene Erdzeitalter hinweg). Dazu kommt ihre ästhetische Dimension: Mineralogie mit ihren farbenprächtigen Kristallen ist Naturkunst in Reinform.
Geologie liefert zudem einen schönen Grund für Naturerkundungen. Und sie erzählt die spannendsten Geschichten – spektakulärer als jeder Krimi: Man denke an den Meteoriteneinschlag um 67 Million vor unserer Zeit, der am Ende der Kreide das Zeitalter der Dinosaurier beendete. Oder die verblüffende Tatsache, dass die Erde vor Hunderten Millionen Jahren vollständig (!) von Gletschern überzogen war („Schneeball Erde“) – und zwar für einen Zeitraum von 67 Millionen Jahren (sic!).
Wer kann sich dieser Magie entziehen?
Die vierte Kränkung des Menschen – und was sie mit Geologie zu tun hat
Erinnern Sie sich noch an die drei „klassischen“ Kränkungen der menschlichen Würde, jener Idee vom Menschen als „Krone der Schöpfung“? Die großen geistigen Revolutionen der Neuzeit haben das menschliche Selbstbild bekanntlich Schritt für Schritt entzaubert: Kopernikus entzog uns den Platz im Zentrum des Universums. Darwin nahm uns die Sonderstellung in der Natur. Und Freud zeigte, dass wir nicht einmal Herr über unseren eigenen Geist sind.
Im Gefolge der KI-Revolution ist nun die vierte Kränkung durch Künstliche Intelligenz hinzugekommen. Maschinen beginnen Fähigkeiten zu übernehmen, die wir für genuin menschlich hielten – Denken, Erkennen, Entscheiden, gar Kreativität. Damit wird nicht nur unsere kognitive Einzigartigkeit infrage gestellt, sondern auch die Illusion, dass der Mensch die Norm und das Maß aller Intelligenz sei.
Manche – etwa KI-Pionier Jürgen Schmidhuber – sehen im Menschen gar eine evolutionäre Zwischenstufe. Elon Musks Neuralink folgt einer ähnlichen Logik: den Menschen durch Technologie über sich selbst hinaus zu erweitern.
Aus geologischer Sicht ist die Leistung des Menschen beeindruckend: Angesichts geologischer Urgewalten, sowie der Herausforderungen aus räumlichen Distanzen und Ressourcenknappheit ist es der Menschheit gelungen, eine weltumspannende technisierte Zivilisation zu entwickeln. Die Geologie spricht daher zu Recht vom Anthropozän. Der Begriff ist oft negativ konnotiert, doch er markiert zugleich einen historisch einzigartigen Einfluss: Noch nie hat eine Spezies die geologischen Gegebenheiten so stark überformt wie wir.
Aber: Der Mensch ist geologisch gesehen nicht mehr als ein Augenblick.
Würde man die gesamte bisherige Erdgeschichte von 4,54 Milliarden Jahren auf ein Kalenderjahr von 365 Tagen übertragen (520.000 Jahre entsprechen dann 1 Stunde), dann begänne die Menschheitsgeschichte mit Homo sapiens am 31. Dezember um ca. 23:25 Uhr.
Diese (geologische) Perspektive rückt unseren Platz im großen Ganzen zurecht. Genau wie das die KI eben auch tut.
KI und geologische Prozesse – eine interessante Parallele
Kommen wir zum zweiten Aspekt, wo die KI-Revolution und geologische Prozesse Parallelen aufweisen: Es geht um den zeitlichen Horizont für Veränderungsprozesse. Die Veränderungsdynamik geologischer Prozesse ist in der Regel langfristig: Sedimentationsprozesse, Verwitterungsprozesse, die Kontinentaldrift – die Eurasische Platte und die Nordamerikanische Platte entfernen sich im Mittel um wenige Zentimeter pro Jahr; Salzlager wandern rund 0,3 mm pro Jahr. Natürlich gibt es andererseits auch Veränderungen, die sich binnen weniger Tage ereignen: Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge.
Für die AI-Revolution gibt es selbstverständlich auch mindestens zwei Zeithorizonte: Die Medien werden aktuell stark dominiert von den Effekten in der kurzfristigen Perspektive; es handelt sich dabei vor allem um Effekte auf dem Arbeitsmarkt: Automatisierbare Arbeitsschritte werden von KI bzw. KI-gesteuerten Robotern übernommen, Wertschöpfungsketten werden (vor allem: kostenseitig) optimiert.
Demgegenüber gibt es die langfristige Perspektive (freilich nicht im Sinne geologischer Zeiträume, die Jahrmillionen umfasst – sondern in humangeschichtlichen Dimensionen): Unsere Lebenswirklichkeit wird zu großen Teilen von über Jahrzehnte und Jahrhundert gewachsenen Infrastrukturen und städtebaulichen Gegebenheiten bestimmt, zudem haben wir komplexe Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme ausgebildet, die aufgrund der vielfältigen Interdependenzen eine Veränderungsresistenz aufweisen oder – um es positiver zu formulieren – eine gewisse Stabilität / Robustheit.
Als Lektüre empfehle ich hier den Artikel Why transformative artificial intelligence is really, really hard to achieve. Der Artikel macht im Grunde klar, dass wirklich umwälzende KI – also eine, die fast alles schneller und besser erledigt als wir – deutlich schwieriger zu bauen ist, als man manchmal denkt. Zwar wirken heutige Modelle beeindruckend, aber für echte Allgemeinintelligenz fehlen noch viele Fähigkeiten, zum Beispiel ein tiefes Verständnis von Kausalität oder zuverlässige Interaktion mit der realen Welt.
Auch geschichtlich betrachtet haben selbst große technische Durchbrüche das Wirtschaftswachstum nie dauerhaft „in die Höhe katapultiert“, weshalb man auch bei KI nicht automatisch mit einer Produktivitäts-Explosion rechnen sollte. Und selbst wenn die Technologie theoretisch bereit wäre, bremsen oft soziale und institutionelle Faktoren ihren tatsächlichen Einsatz. Dazu kommt, dass sich neue Technologien in vielen Branchen viel langsamer verbreiten, als man hoffen würde. Außerdem steckt unglaublich viel unausgesprochenes Erfahrungswissen in menschlicher Arbeit, das sich nicht einfach in Daten oder Modelle pressen lässt.
Kurz gesagt: KI wird unsere Welt stark verändern – aber eher evolutionär als explosionsartig.
Zum Abschluss: Geologie entdecken
Und zum Abschluss möchte ich alle, bei denen ich etwas Neugier auf Geologie auslösen konnte, gerne noch ein, zwei Hör- und Lesetipps geben. Hört mal rein in den Podcast AstroGeo von Franziska Konitzer und Karl Urban. Und früher oder später sollte man sich einmal das Standardwerk „Geologie Deutschlands: Ein prozessorientierter Ansatz“ von Prof. Dr. Martin Meschede vornehmen (fachlich sehr anspruchsvoll, aber sehr gut; Mit ChatGPT oder Gemini als Lesebegleiter aber durchaus machbar).