Es liest sich wie ein sehr guter Science-Fiction Roman – besser noch: Wie der Creative Overflow aus einem Stammtisch zu später Stunde mit Jobs, Einstein, Heisenberg, Hawking, Musk, Berners Lee und derlei mehr Persönlichkeiten. Es geht um den Tech Trends Report 2020 des Future Today Institute (Kostenfreier Download: hier), der auf 366 Seiten einen kompakten Überblick über wesentliche Technologietrends in so unterschiedlichen Bereichen beschreibt wie der Landwirtschaft, dem Marketing, der KI-Entwicklung oder dem Weltraumtourismus. Ein äußerst lesenswertes Dokument (veröffentlicht unter der Commons Creative License).

Rund 400 Trends werden beschrieben (auf Englisch) – und zwar Trends nicht im Sinne von „trendy“, sondern im Sinne von (mit gewisser Wahrscheinlichkeit) zukunftsrelevant. Der ganz überwiegende Teil der Trends ist nicht vollkommen neu, die Welt verändert sich nicht über Nacht: „AI in the Cloud“, „AI on the edge“, „Robot Process Automation“. Bisweilen wird man aber dann doch überrascht über die Dimension, in welche die Entwicklung bereits vorgedrungen ist, beispielsweise „Advanced A. I. Chipsets“ (auch: Neuromorphe Hardware): „Cerebras has built an A.I. chip with 1.2 trillion transistors, 400,000 processor cores, 18 gigabytes of SRAM and interconnects (tiny connection nodes) that can move 100 quadrillion bits per second.“

Vor allem die Kompaktheit der Darstellung sowie der beschriebene „Reifegrad“ auf dem Weg zur Kommerzialisierung schaffen einen echten Aha-Effekt. Und natürlich kommen auch diverse Trends hinzu, von denen man noch nicht gehört hat; für mich neu waren Trends wie “Robots as a Service (RaaS)”, “Surveillance Scoring-as-aService (SSaaS)” oder “Space-Based Quantum Internet”. Ein paar Themen sind wiederum so weit von der eigenen Lebensrealität weg, dass man das schnell überblättert, etwa “Space Tourism”, “Weltraumschrott” und oder gar die „Space Economy“.

Da es sich hierbei um eine (vermutlich einigermaßen neutrale) Bestandsaufnahme dessen handelt, was gerade passiert, nimmt es nicht Wunder, dass auch weniger wünschenswerte Entwicklungen beschrieben werden: “A.I. Still Has a Bias Problem”, “A.I. Systems Intentionally Hiding Data”, “The Rise of Undocumented A.I. Accidents”, “Extreme Weather Events”, “Trolls” oder “Offensive Government Hacking”.

Tech Trends Report 2020: Key Takeaways

Da sich vermutlich einige Leser und Leserinnen damit schwertun, aus 366 Seiten Trendreport eine Quintessenz zu ziehen, hat sich das Future Today Institute – kurz: FTI, Gründerin: Amy Webb – die Mühe gemacht, neun (9) „Key Takeaways“ herauszuarbeiten. Viele Manager, an die sich dieser Trend Report zweifelsohne richtet, sind inzwischen ja sehr an die „Executive Summary“ gewohnt.

Unter die Synthetic Decade werden diverse Entwicklungstrends zusammengefasst: Darunter fallen nicht nur High-Protein-Produkte der Nahrungsmittelindustrie als Beef-Ersatz, sondern auch vollständig künstlich erzeugte Charaktere in Unterhaltungsmedien und der Gaming-Industrie, die mit KI erzeugt und belebt werden. Auch Deep Fakes fallen natürlich darunter – und all die damit verbundenen Probleme.

Augmented Hearing and Sight dreht sich um die Wiederauflage von „Google Glass“ – aber nicht allein Google stößt (erneut) in diesen Bereich vor; auch Firmen wie Amazon, Apple, Microsoft, Facebook haben vergleichbare Produkte auf ihrer Roadmap. Bei Augmented Hearing wird die Audio-Wahrnehmung angereichert um gesprochenen Content, der naheliegende Fall sind Infos über Städte, ganz wie bei einer Stadtführung. „Smarte Wahrnehmung“ könnte man das zusammenfassen, es erinnert an eines meiner geschätzten Bücher aus der Robert Ludlum-Buchreihe, nämlich den Roman The Utopia Experiment.

Die Trends A.I.-as-a-Service and Data-as-a-Service (Stichwort: AWS for Everyone) und Smart Home bzw. Consumer IoT bedürfen keiner Erklärung; das Future Today Institute sieht jedoch diese Entwicklungstrends bestätigt.

Ein gefährlicher Trend: Everyone alive today is being scored. Auch das bedarf keiner Erläuterung, jedoch steckt der Trend Report das beunruhigende Ausmaß der Digitalen Vermessung ab, und zwar verbunden mit Scoring-Profilen, auf deren Basis immer mehr automatische Entscheidungen getroffen werden (von der Kreditvergabe bis zum Einlass ins Fußballstadion). Vorreiter in dieser Hinsicht ist bekanntermaßen China, dessen Datensammelwut in der Corona-Krise eine neue Dynamik (und Rechtfertigungsgrundlage) gewonnen hat. Dieser Vorsprung Chinas bei der Erfassung von Daten (nicht zuletzt für die KI Ambitionen, vgl. auch das Buch AI-Superpowers. China, Silicon Valley und die Neue Weltordnung) in Verbindung mit der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung Chinas lässt das FIT zu folgendem Schluss kommen: China has created a new world order.

Und auf eine „Key Takeaway“ weise ich noch hin: We’ve traded FOMO for abject fear, FOMO steht hier für „Fear of Missing Out”. Noam Chomsky lässt grüßen (”Herrschaft durch Angst”), nach Beobachtung des FTI werden auf Sozialen Netzwerken zunehmend Ängste geschürt, und es gilt: Angst ist gut für das Geschäft – so das FTI.

Und zum Schluss

Als ich über den Trend Augmented Hearing gestolpert bin, habe ich mich wieder daran erinnert, dass ich dazu mal (Ende 2016) eine Start-Up Idee formuliert und einen ersten Proof-Of-Concept entwickelt hatte. Arbeitsname: „Speaking World“. Wie der Trend bestätigt, war diese Idee durchaus entwicklungsfähig und zukunftsrelevant – allein, Zeit hatte ich nicht wirklich für diese Idee, und mir wurde relativ schnell klar, dass ein „Start-Up-Projekt“ in Teilzeit nicht funktionieren würde. Immerhin, ein Mini-Prototyp (POC) und das Pitch Deck (vgl. Download) sind für nostalgische Abendstunden geblieben …

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Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.