Wir stehen an der Schwelle zum Zweiten Maschinenzeitalter, die Ära der Digitalen Gesellschaft bricht heran. Die Medienberichterstattung zu Digitalisierung schwillt an, einige Medien haben sogar ein eigenes Ressort eingerichtet, etwa zeit.de/digital (seit 2009) oder sueddeutsche.de/digital. Wer das Thema verfolgt, erlebt eine vielstimmige Diskussion mit Protagonisten wie Digitalexperte Christoph Bornschein (von TLGG), Philosoph Richard David Precht, KI-Pionier Jürgen Schmidhuber oder Telekom-Chef Timotheus Höttges.

Die Zukunftsszenarien reichen in dieser Diskussion von Horrorvision bis Schlaraffenland, und auch die Einschätzungen über die Zukunft der (Erwerbs)Arbeit gehen je nach Studienautoren (IAB, MIT, McKinsey, etc.) deutlich auseinander. Die Industrie verspricht Komfort, Datenschützer warnen, der Blick in die Überwachungsdiktatur China bereitet Sorgen. Die Diskussion rund um Themen wie Automatisierung, Rationalisierung, Überwachung ist natürlich keineswegs völlig neu: Der Kino-Kassenschlager Terminator datiert aus dem Jahre 1985 und ein früher Diskussionsbeitrag datiert aus der Mitte des 19ten Jahrhunderts: Kein Geringerer als Marx zeichnet ja den optimistischen Ausblick auf paradiesische Zustände ohne Arbeit dank technologischem Fortschritt.

Die Orientierung inmitten dieses Tsunamis an Nachrichten, Versprechungen, Warnungen ist eine Herausforderung. Einige Prognosen von gestern sind heute bereits wieder Makulatur (etwa der Kühlschrank, der selbst nachbestellt). Darum der Anspruch dieser Artikelserie: Überblick verschaffen und einige zentrale Thesen sowie Forderungen diskutieren (z.B. das Bedingungslose Grundeinkommen). Starten wir mit dem Versuch einer Kategorisierung all der Zukunftsszenarien, die der vielstimmigen Diskussion zugrunde liegen (zumindest: Die wichtigsten Szenarien, die Orientierungspunkte für eine Diskussion bieten).

Szenarien der Digitalen Zukunft – Versuch einer Kategorisierung

Zukunftsszenario: Entwicklung einer Superintelligenz. Friedliche Koexistenz mit der Menschheit
Diverse Technologieenthusiasten sehen in KI die nächste Evolutionsstufe, die zum Beispiel den Mars besiedeln, aber auch weitere Teile des Weltraums erschließen könnte. Der deutsche KI-Pionier Jürgen Schmidhuber etwa zählt dazu; er hält schon in etwa 30 Jahren Künstliche Neuronale Netzwerk für realisierbar, die dem menschlichen Gehirn entsprechen.

Die naheliegende Frage ist nun, ob sich eine solche Superintelligenz zähmen lässt. Es wäre ja durchaus hervorragend, wenn eine solche Superintelligenz eine Lösung für das drängende Problem des Klimawandels fände. Und wenn das Problem gelöst ist, schaltet man die Superintelligenz wieder ab. Wie einen Staubsauger. Ein. Aus. Bekanntermaßen gelingt es in dem bekannten Horrorszenario Terminator eben das nicht mehr, SkyNet entwickelt ein eigenes Bewusstsein und mutiert zur Bedrohung der Menschheit. Es kann nicht mehr abgeschaltet werden. Man mag einwenden, man könne eine solche Superintelligenz ja abschotten, nur mit einem Beschluss des UNO-Weltsicherheitsrates undsoweiter. Ein. Aus. Wie ein Staubsauger. Der Thriller Ex Machina präsentiert ein ebensolches Szenario, aber die Sicherheitsmaßnahmen reichen nicht aus und dies endet für die menschlichen Protagonisten allesamt nicht gut. Die Superintelligenz ist eben superintelligent.

Zukunftsszenario: Entwicklung einer Superintelligenz. Bedrohung der Menschheit.

Kurzum: Es gibt inzwischen zahlreiche Skeptiker, inwieweit eine friedliche Ko-Existenz zwischen einer Superintelligenz und der Menschheit möglich wäre. Der Bestsellerautor Yuval Harari sinniert denn in Homo Deus, das Verhältnis zwischen KI und Mensch könnte sich analog entwickeln wie es sich heute zwischen Mensch (intelligenter) und Hausschwein (weniger intelligent) darstellt. Ebenso wie Yuval Harari ist auch der Philosoph Nick Boström pessimistisch, was die friedliche Koexistenz von Mensch und Maschine angeht. Seine Befürchtungen führt er aus in seinem Buch Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies (“Human civilization is at stake” — Clive Cookson, Financial Times). Auch der hyperactive Silicon Valley-Unternehmen Elon Musk sieht mit KI eine Bedrohung für die Menschheit herauf dräuen.

Dieses Zukunftsszenario entspricht hierbei dem Grundmuster diverser Hollywood-Blockbuster, darunter der bereits genannt Terminator, aber auch Matrix, I, Robot oder Ex Machina: Die Maschinen werden mindestens so intelligent wie der Mensch, entwickeln ein Bewusstsein (inwieweit das notwendig oder möglich ist, darüber wird noch gestritten) und wenden sich gegen die Menschheit. Dieser Plot ist für Hollywood eine Steilvorlage – ein Film über das harmonische Zusammenleben der Menschheit im digitalen Paradies ohne Konflikte würde nicht halb so viele Zuschauer begeistern. Aber wie wahrscheinlich ist die Herausbildung einer solchen Superintelligenz?

Antwort: Vermutlich wird meine Generation das nicht mehr erleben. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wird dies langfristig technisch realisierbar sein. Möglicherweise ist das nur eine Frage der Maximierung von Neuronen in einem Künstlichen Neuronalen Netzwerk. Oder? – Nun gilt ja: Der Mensch hat 100 Milliarden Nervenzellen (und 100 Billionen Synapsen), folglich könnte man schlussfolgern: Als Vorsichtsmaßnahme zum Schutz der Menschheit müssten Systeme mit mehr als 50 Milliarden Künstlichen Neuronen eben verboten werden. Bitteschön. Aber lässt sich das verbieten – und vor allem kontrollieren? Google X Labs ist im Jahr 2012 der Durchbruch bei der Bildanalyse („Erkennen von Katzenfotos“) gelungen, indem 1.000 Rechner zusammengeschlossen wurden (mit insgesamt 16.000 Prozessoren). Wie können wir zuverlässig kontrollieren, ob nicht in ferner Zukunft – wenn die nötige Technologie zur Verfügung stünde – eine eben solche Vernetzung von Superrechnern in einem Schurkenstaat umgesetzt wird?

Das will ich hier auch nicht weiter ausführen. Bevor es zu einer solchen Superintelligenz kommt, gilt es, gänzlich andere Herausforderungen zu lösen. Eine allgemeine, menschliche Intelligenz ist gegenwärtig noch völlig außer Reichweite. Vielleicht ist Ihnen aber aufgefallen: Weder Terminator noch Matrix thematisieren die Zukunft der Erwerbsarbeit oder das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Aber genau diese Fragen dominieren aktuell die (politische) Debatte …

Zukunftsszenario: Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer der Digitalisierung

Eine Revolution hat immer Verlierer, auch die Digitale Revolution. Wenn die Automatisierungsgewinne nicht gerecht verteilt werden und es nicht gelingt, die Verlierer mit einer Bildungsoffensive oder – wie einige fordern – dem BGE eine Brücke in das neue Digitale Zeitalter zu bauen, dann kommt es zu einer Neuauflage des Pauperismus, der bereits das Entstehen des Ersten Maschinenzeitalters begleitete. Manche können sich eine Volkswirtschaft ohne konsumierende Mittelschicht kaum mehr vorstellen, aber leider gilt: Die (breite) Mittelschicht (in den Industrieländern) ist ein wirtschaftshistorisches Novum, eine Neu-Ausrichtung der Ökonomie auf Luxusgüter und -dienstleistungen für (Super)Reiche ist denkbar – und historisch gesehen der Normalzustand. Wer das gerne anschaulich hat, der schaue sich den (allerdings eher mittelmäßigen) Science-Fiction-Film Elysium an.

Gerade aktuell ringen Finanzminister weltweit um eine angemessene Besteuerung von Digitalkonzernen, denn unter dem heutigen Steuerregime gilt: Traditionelle Wirtschaftsunternehmen zahlen etwa 23 Prozent Steuern, Digitalkonzerne nur rund 9 Prozent. Von einer Abschöpfung der Automatisierungs- und auch Digitalisierungsgewinne sind wir noch weit entfernt – eher das Gegenteil ist eingetreten. Zwecks steuerlicher Abschöpfung von „Digitalisierungsgewinnen“ wird folglich diskutiert über eine „Digitalsteuer“ und auch eine „Maschinensteuer“ – zu Recht. (Dies ist aber nicht zu verwechseln mit der Finanztransaktionssteuer, die beispielsweise für die Finanzierung eines BGE vorgeschlagen wird z.B. von Precht, was gar nicht bei den Automatisierungs-/Digitalisierungsgewinnen von Digitalunternehmen ansetzt).

Es mag auf den ersten Blick paradox klingen, bleibt dennoch richtig: Eine solche Spaltung der Gesellschaft ist nicht im Interesse des Silicon Valley, das ja eben diese Digitale Wirtschaft vorantreibt. Warum? – Ganz einfach: Die Geschäftsmodelle des Silicon Valley setzen überwiegend eine breite Mittelschicht voraus: Wo eine überwiegend verarmte Bevölkerung neben wenigen (Super)Reichen koexistieren, werden die Geschäftsmodelle von Amazon (Mittelschicht kauft ein) oder Apple (Mittelschicht kauft teure Hardware) entwertet; man könnte für dieses Szenario annehmen, Anbieter wie Netflix (9,90 Monatsabo) würden dann zu Profiteuren in einer Prekariatsökonomie à la „Brot und Spiele“, aber das ist nicht die Vision des Silicon Valley. Silicon Valley ist vor allem der Glaube daran, dass man alles mit Technik lösen kann; als Zyniker mag man noch annehmen, das Silicon Valley sei einfach geldgierig, aber selbst dann gilt eben: Facebook kann seine Daten nur dann verkaufen, wenn die „Datensubjekte“ Kaufkraft mitbringen; wenn es also eine kaufkräftige Mittelschicht gibt.

[Exkurs] Wussten Sie im Übrigen, dass es KEIN Eigentum an Daten gibt? Tatsächlich lässt sich das juristisch nicht begründen. Dennoch bleiben Daten DER zentrale Rohstoff der digitalen Wirtschaft (für KI, für Datenhändler wie Facebook & Co), und die Herausforderung einer gerechten Verteilung der Automatisierungsgewinne bleibt. [Exkurs Ende]

Diese Szenario der Spaltung der Gesellschaft würde im Übrigen ein Auseinanderdriften vieler Gesellschaften fortsetzen, was sich bereits in den letzten Jahren statistisch abzeichnet (Stichwort: Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Vermögen). Der Lohnanteil ist in den Industriegesellschaften kontinuierlich zurück gegangen, Renditen auf Unternehmensbeteiligungen und auf Immobilienbesitz sind angestiegen, ebenso Unternehmensgewinne. Einer der Gründe: Löhne (im Produktionsbereich) sind im globalen Wettbewerb der Standorte unter Druck geraten. Löhne für automatisierbare Arbeiten und auch Löhne in Tätigkeiten, deren Produktivität durch Maschinisierung sich kaum steigern lässt, werden weiter unter Druck geraten. Hier gibt es Handlungsbedarf – davon handeln die folgenden Zukunftsszenarien.

Zukunftsszenario: Großteil der Wertschöpfung wird automatisiert, das (Bedingungslose) Grundeinkommen kommt

Mit dem Job-Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kann man sich sehr einen Überblick darüber verschaffen, inwieweit die Tätigkeit des eigenen Berufs automatisierbar sind und inwieweit der eigene Beruf Zukunft hat. Da erfährt etwa der Berufskraftfahrer: 17% der Tätigkeiten könnten schon heute Roboter übernehmen. Und der Friseur: 0% der Tätigkeiten könnten schon heute Roboter übernehmen. Diese Bestandsaufnahme des IAB zur Zukunftsfähigkeit verschiedener Berufsbilder wird ergänzt durch zahlreiche Studien, wo auch die zukünftige Entwicklung von Automatisierungstechnologie berücksichtigt wird. Je nach Studie und Zeithorizont können dann 25 oder gar 50 Prozent der heutigen Tätigkeiten automatisiert werden. Eine bekannte Studie ist etwa die Oxford-Studie der Autoren Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne). Eben dieser Studien sind Grundlage für die These, dass unserer Wirtschaft die (Erwerbs)Arbeit ausgeht. Anders formuliert: So wie 1996 der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow gegen Deep Blue (IBM) verlor, so werden zahlreiche Berufsbilder gegen KI und Roboter den Kürzeren ziehen.

Die These lautet vollständig: Ein großer Teil der Arbeit wird (unwiederbringlich) automatisiert, und gleichzeitig werden die verlorenen Arbeitsplätze nur in Teilen durch neue Tätigkeiten kompensiert. Wenn diese Prognose gilt, dass es systembedingt nicht mehr für alle (Erwerbs)Arbeit geben kann!, dann muss eine Grundsicherung her, das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Damit unterscheidet sich diese Konzeption des BGE von den heutigen sozialstaatlichen Leistungen, die grosso modo eine Antwort auf vereinzelte Härtefälle sind. Die Liste der Verfechter eines Grundeinkommens ist bemerkenswert lang, das BGE ist längst salonfähig. Zu den Verfechtern zählen der Philosoph Richard David Precht, der dm-Gründer Götz Werner, der Telekom-Chef Höttges oder auch – weniger überraschend – die Partei DIE LINKE. Das BGE ist hierbei allerdings zu einem Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Ideen geworden. Man muss hier sehr genau differenzieren, wie das BGE ausgestaltet ist (vor allem: Höhe der Bezüge, Finanzierung) und welche Zielsetzung damit verbunden ist (von „Modernisierung der Sozialsysteme“ bis zu „Neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung“).

Wer an den unwiederbringlichen Verlust von Jobs denkt, hat etwa die Factory 56 von Daimler vor Augen, die wohl modernste Autofabrik weltweit. Alle verbauten Autoteile sind mit einem Funkchip ausgestattet, der Transport ist vollautomatisch, die Maschinen kommunizieren miteinander – und das weitgehend ohne menschliches Zutun. Unter Werksarbeitern hat die Fertigungsanlage auch den Spitznamen „fear factory“.

Wer würde nicht sagen: Klar, wenn „die Maschinen“ die ganze Arbeit machen, dann gibt’s ein Grundeinkommen für alle. Zur Frage allerdings, ob und in welchem Maße (Erwerbs)Arbeit verschwindet, gehen die Meinungen auseinander: Denn es werden neue Jobs entstehen. Erst im Juli diesen Jahres veröffentlichte das IAB eine Studie, die konstatiert: Die bundesweiten Jobverluste durch Automatisierung seit den 1970er Jahren wurden weitgehend kompensiert.. Und in einer Studie von McKinsey aus dem Jahr 2011 wird für Frankreich festgestellt: Das Internet hat in den vorangegangenen 15 Jahren 500.000 Arbeitsplätze vernichtet, einerseits. Andererseits sind 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden!

Dem wird gerne entgegen gehalten, dass sich dieser Wandel um ein Vielfaches schneller vollziehe, als die Industrialisierung (Erstes Maschinenzeitalter). Zudem sei der Grad der Disruption aufgrund der Künstlichen Intelligenz nochmals deutlich höher. Andererseits wird nicht alles digitalisiert und automatisiert, was sich digitalisieren und automatisieren lässt – Automatisierung/Rationalisierung werden sich nur dort durchsetzen, wo sich ein solches Investment betriebswirtschaftlich rechnet. So sind selbstfahrende Fahrzeuge sehr teuer in der Herstellung, darum werden diese (zunächst) nur im kommerziellen Bereich eingesetzt. Erinnern wir uns außerdem daran: Als beispielsweise in den 1970ern massenhaft Computer in Büros einzogen, war bald die Rede vom papierlosen Büro. Bis jetzt ist das papierlose Büro allerdings Vision geblieben – zwar ist die Druckindustrie stark unter Druck geraten, aber ein Ende des Buches oder des Papiermagazins ist nicht in Sicht. Darum ist es ebenso realistisch anzunehmen, dass ein anderes Zukunftsszenario Realität werden kann, nämlich:

Zukunftsszenario: Hoher Anteil der Wertschöpfung wird automatisiert, neue Jobs kompensieren Jobverlust durch Strukturwandel

Die Studie der IAB ist hier ermutigend: Jobverluste durch Automatisierung seit den 1970er Jahren wurden weitgehend kompensiert. Die Studie weist gleichzeitig darauf hin – auch das eine Binsenweisheit, dass die neu entstandenen Jobs in der Regel eine höhere Qualifizierung erfordern. Mit den Worten von Guenter Dueck: Die einfachen Aufgaben werden zunehmend von Maschinen/KI-Algorithmen übernommen, es bleiben die anspruchsvollen Aufgaben übrig – und die setzen exzellente Qualifizierung voraus. Wer in die Digitalen Agenden von Parteien schaut (etwa FDP, DIE LINKE) findet eben diese Forderung nach hohen Bildungsinvestitionen dort wieder. (Richtig ist aber auch, dass auch neue Jobs für Niedrigqualifiziert entstehen werden, vgl. etwa einen Artikel des Handelsblatt zu Clickworkern).

Die Forderung nach einer Ausrichtung der Bildungssysteme auf diese neue Arbeitswelt mit nochmals gestiegenen Anforderungen an Qualifikation ist darum nur folgerichtig. Das gilt im Übrigen nicht erst im zukünftigen Digitalen Arbeitsmarkt, sondern – auch das eine Binsenweisheit – bereits heute. So konstatiert eine Untersuchung der Beratungsgesellschaft McKinsey: „In a McKinsey survey of young people and employers in nine countries, 40 percent of employers said lack of skills was the main reason for entry-level job vacancies. Sixty percent said that new graduates were not adequately prepared for the world of work.”

Wo neue Jobs entstehen sollen, braucht es außerdem Unternehmer. Es müssen jene Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden, die in einer Volkswirtschaft mit hohem Automatisierungsgrad nachgefragt werden. Es müssen jene Arbeitsplätze geschaffen werden für qualifizierte Mitarbeiter, die mit verschiedenen Automatisierungswerkzeugen hochproduktiv sein können. Auch hier gibt es – betrachtet man das für Deutschland – politischen Handlungsbedarf: Denn die Gründerkultur im „Land der Dichter und Denker“ ist im Abwärtstrend, uns gehen die Gründer aus – und das just zu einer Zeit, wo sich mit dem Strukturwandel mannigfaltige Chancen auftun und wo der Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg der Volkswirtschaft Deutschland im Digitalen Zeitalter gelegt wird (bzw. gelegt werden sollte). Ein jüngst erschienener Artikel im Handelsblatt zieht eine beunruhigende Bilanz:

Handelsblatt Graphik: Deutschland gehen die Gründer ausHandelsblatt Graphik: Deutschland gehen die Gründer aus

Es ist ein no-brainer, dass im Digitalen Zeitalter zahlreiche neue Arbeitsplätze mit technischem Anforderungsprofil entstehen – schon seit Jahren weist die Branchenorganisation bitkom auf einen wachsenden Engpass bei IT Fachkräften hin. Ebenso plausibel ist die komplementäre Vermutung, dass nämlich zukünftig solche Jobprofile vom Menschen übernommen werden, wo der Mensch kaum von intelligenten Maschinen oder KI-Algorithmen überholt werden kann: Jobs, wo echte Empathie erforderlich ist, bzw. ein Grundverständnis für das Körperbewusstsein von Menschen undsoweiter. In der Diskussion zum Thema Digitalisierung gibt es bereits heute Stimmen, die prognostizieren, dass sich die Selbstwahrnehmung des Menschen inmitten intelligenter Maschinen verändern könnte. Der Aspekte der Intelligenz (mit dem wir uns von Tieren abgrenzen) tritt in den Hintergrund, es kommt zu einer stärkeren Betonung des Emotionalen, zu einer Neubewertung von Körperbewusstsein. Zurück zum Thema Jobs: Der Protagonist in dem (sehr sehenswerten) Hollywood-Science-Fiction SHE übt genau einen solchen Job aus, der Empathie-Fähigkeit erfordert. Der Film spielt in der Digitalen Zukunft, der Protagonist Theodore schreibt in Auftragsarbeit Briefe für Menschen, die sich damit schwertun, ihre Gefühle gegenüber Partnern oder Familienmitgliedern deutlich zu machen. Witzigerweise wird der Brief selbst vom Computer geschrieben/gedruckt – nur der Text stammt von Theodore.

Dieses Szenario „Strukturwandel ohne signifikante Arbeitslosigkeit“ wird auch dadurch möglich, dass der Produktivitätsgewinn in ein Mehr an Freizeit (also: geringere Arbeitszeiten) resultiert, nicht eine höhere monetäre Vergütung.

Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass es natürlich auch technische Visionen gibt, den Menschen „aufzurüsten“, um mit einer zunehmend intelligenten Umgebung Schritt halten zu können. Die Ideen sind vielfältig: Etwa das menschliche Gehirn um zusätzliche Speicherkapazität zu erweitern oder die Gehirnaktivität zu stimulieren. Elon Musk hat vor einiger Zeit in das StartUp Neuralink investiert, das etwa die Vision eines App-Stores für das Gehirn hat. Dort könnte man sich dann neue Sprachen oder Kampfsportbewegungen ins Gehirn laden (vgl. den Film Matrix). Für Freunde des intelligenten Thrillers empfehle ich zu der Vision das Buch The Utopia Experiment von Kyle Mills (in der Robert Ludlum Buchreihe, erschienen im Jahr 2013); es ist eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Zukunftsszenario: Schlaraffenland

Marx ist ganz klar davon ausgegangen, dass ein Weniger an (Erwerbs)Arbeit und ein Mehr an Freizeit optimal wäre. Demgegenüber weist die Vermächtnisstudie von Jutta Allmendinger darauf hin, dass (Erwerbs)Arbeit für Menschen identitätsstiftend ist. Der Autor Precht geht diesem Für und Wider die Erwerbsarbeit in seinem Bestseller Jäger, Hirten, Kritiker entlang der Ideengeschichte nach, betrachtet dies aus soziologischer wie philosophischer Sicht. Sein Fazit: Wir brauchen eigentlich keine (Erwerbs)Arbeit, Selbstwirksamkeit lässt sich auch außerhalb der (Erwerbs)Arbeit erfahren. Und Stefan Rahmann, Mitgründer von Neuland, einem urbanen Garten im südlichen Köln, bringt die Selbstwirksamkeit auf den Punkt, indem er die Motivation der Mitglieder bei diesem Garten-/Anbauprojekt wie folgt erläutert: „Uns geht es um die Arbeit an sich. Darum, wieder erleben zu können, was man schaffen kann, mit den eigenen Händen.“ Der Einfachkeit halber übernehmen wir diese Annahme für dieses Zukunftsszenario: Weniger (Erwerbs)Arbeit = besser.

Es liegt nahe zu vermuten, dass im Szenario Schlaraffenland der technologische Fortschritt die (Erwerbs)Arbeit überflüssig macht. Die Arbeit in der Landwirtschaft, in der Industriegüterproduktion haben Maschinen vollständig übernommen, der Mensch genießt das Leben – im schlimmsten Fall hat er Freizeitstress. Die entscheidende Frage hierbei ist offensichtlich: Wem gehören die Maschinen? Anders formuliert: Wem fließen die Automatisierungsgewinne aus der vollständigen Automatisierung zu bzw. wie werden diese in der Gesellschaft verteilt? Über welchen Mechanismus? Hierauf gibt es noch nicht einmal ansatzweise Antworten – aber es lassen sich verschiedene Pfade skizzieren.

Es gibt etwa die Bewegung Fully Automated Luxury Communism (FALC), deren Vision ist die Überführung aller Maschinen in ein genossenschaftliches System. Denkt man das zu Ende, käme dies einer Enteignung aller Unternehmer und Anteilseigner an Unternehmen gleich, einer Außerkraftsetzung des Eigentumsrechts, einer Vergemeinschaftung von Eigentum, kurz: Revolution. Doch selbst nach einem solchen radikalen Schnitt wäre die Verteilungsfrage nicht (vollständig) geklärt: Man mag in einem so utopischen Szenario noch zugestehen, dass es keine Knappheit mehr für Brot, Butter und den Download von Spielfilmen gibt. Die Annahme einer vollständigen Auflösung der Ressourcenknappheit wäre allerdings grob unrealistisch, hierfür muss man noch nicht einmal ökologische Grenzen annehmen. Nicht jeder kann etwa eine Villa am Wannsee oder Gardasee beanspruchen. Würde dann hier ein Rotationsprinzip gelten? Werden Trüffel rationiert? Oder gibt es etwa Reminiszenzen an (Erwerbs)Arbeit, die etwa mit Privilegen verbunden sein könnten: Etwa durch „politische Tätigkeit“ innerhalb der demokratisch ausgerichteten Gesellschaft, man denke an das Antike Griechenland?

Oder aber der paradiesische Zustand entwickelt sich aus einem zarten Pflänzchen des BGE, das mit abnehmender Knappheit der Güter immer großzügiger ausgestaltet wird. Ein solches Übergangsszenario könnte sich vollständig innerhalb der bestehenden kapitalistischen Ordnung unter Wahrung der Eigentumsrechte entfalten. Gehen wir einmal vom Wohlfahrtsstaat in der BRD aus, der – abgesehen von Schwankungen – in den letzten Jahrzehnten analog zur Wirtschaftskraft und Produktivität sukzessive ausgebaut wurde. Nun extrapolieren wir diese Entwicklung in die Zukunft: So könnte – mit viel Optimismus – der Aufbau des Schlaraffenlandes Realität werden.

Dass wir durch Besiedelung des Planeten Mars auch die Herausforderung der Überbevölkerung überwinden, lässt sich allerdings auch mit der optimistischsten Zukunftsvision nicht erreichen: Auf dem Mars herrschen Kälte, Dunkelheit und Nährstoffmangel. Wie diese Idee in die Welt gekommen ist, bleibt (mir) ein Rätsel …

Last but not least: Technikutopien

Eine solcher Artikel wäre unvollständig ohne den Hinweis auf die Vielfalt an existierenden Technikutopien (und auch: Technikdystopien). Eine Technikutopie – gleich welcher Art – lässt sich allerdings nicht in das hier vorgeschlagene Raster an Kategorien einordnen; dieses orientiert sich nämlich vor allem an der Frage, wie sich die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entwickelt. Der entscheidende Aspekt des technologischen Fortschritts ist ohnehin bereits in den vorangegangenen Szenarien abgebildet: Der (ungeheure) Produktivitätssprung. Angesichts der gewählten Fragestellung macht es Sinn, sich mit dem technologischen Fortschritt als Ganzen zu beschäftigen – nicht mit einzelnen Technologien. Denn: Eine einzelne Technologie für sich wird eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht infrage stellen: Einen solchen Einfluss hatten weder das Internet, noch das Smartphone. Es ist auch sicher anzunehmen, dass auch der kommerzielle Start des DNA Speichers oder des Quantencomputers (wenn er denn kommt) keinen spürbaren Einfluss auf die Gesellschaftsordnung haben wird. So hat sich etwa auch die im Bestseller The New Digital Era formulierte Prognose bislang nicht bewahrheitet, dass der freie Informationsfluss eine Autokratie wie China unter Druck setzt. Das Internet ist folglich nicht – wie von Manchen erhofft – der Katalysator für die Demokratisierung und mehr Menschenrechte in Ländern, wo es Internet gibt.

Es ist gleichwohl richtig, dass vereinzelte Technologien oder technologische Möglichkeiten die Herausbildung – oder wenigstens die Stabilisierung – von Wirtschafts-/Gesellschaftsordnungen begünstigen. Die schier grenzenlosen Möglichkeiten zur Überwachung können zweifelsohne einen Überwachungsstaat (in Verbindung mit einem Polizeistaat) flankieren, der eine Gesellschaft mit extremer Ungleichheit stabilisiert; die Entwicklung zum Überwachungsstaat ist aber nicht zwangsläufig (zu Erkennen an der politischen Reaktion auf Datenschutzverletzungen, der Geburt der DSGVO und ähnlichen Entwicklungen). Man könnte auch erhoffen, dass die fortgeschrittenen Technologien eine neue Form von „direkter Demokratie“ ermöglichen – wer aber die sklavische Orientierung von Politikern schon an Umfrageergebnissen vor Augen hat, die darüber strategische politische Weichenstellungen / Agenden vernachlässigen, der muss einer solchen Vision eher eine Absage erteilen.

Ansonsten gilt: Ob in Zukunft Fahrzeuge mit Brennstoffzellen oder Batteriebetriebene Autos über die Straßen rollen, ob Pakete per Drohne oder per autonomen Fahrzeugen ausgeliefert werden, ist für die beschriebene zentrale Fragestellung irrelevant. Es ist auch äußerst herausfordernd, der Vielfalt an technischen Entwicklungspfaden gerecht zu werden; hier empfehle ich etwa die Lektüre von Büchern wie Smarte Maschinen des Technikjournalisten Ulrich Eberl. Im Übrigen lasse ich hier Klaus Henning zu Wort kommen, der für die Stiftung FuturZwo eine Technische Zukunftsvision formuliert hat. Klaus Henning ist ein deutscher Informationswissenschaftler. Er war bis 2009 Inhaber des Lehrstuhls Informationsmanagement im Maschinenbau und Leiter des Zentrums für Lern- und Wissensmanagement an der RWTH Aachen.

„Die künstliche Intelligenz hat keine Begrenzungen und wird alle Bereiche dieser Welt erobern. Das Zeitalter der Maschinen mit eigenem Bewusstsein beginnt jetzt. (…) Der entscheidende Grund ist die Datenverfügbarkeit durch die extreme Vernetzung und die digitalen Infrastrukturen, die die Voraussetzung dafür bilden, dass sich die rückgekoppelten neuronalen Netze wirksam entfalten können. Die Kombination aus Schnelligkeit im Umgang mit Unmengen von Daten, einem relativ einfachen Lernalgorithmus und ganz wenigen notwendigen „a priori“-Kenntnissen beschreibt den Kern der Leistungsfähigkeit moderner künstlicher Intelligenz.

Dazu möchte ich Ihnen in einem Beispiel den „intelligenten Schuh“ vorstellen, der bereits zum Zeitpunkt seiner Bestellung eine Identität erhält. Er weiß, wer er ist und er weiß auch wer sein Kunde ist. Er weiß, was der Kunde von ihm will, ob er zum Beispiel die Parameter des Kunden überwachen soll. Und er weiß auch, wie sein Zustand und sein Weg sein wird: Er wird sich durch die Fertigungseinrichtungen durcharbeiten müssen, in der es keine klassische zentrale Steuerung mehr gibt. Die Produktions- und Transporteinheiten sind natürlich ihrerseits in einer Symbiose mit ihren intelligenten Agenten, die mit den intelligenten Schuhen verhandeln. Das alles könnte „demokratisch“ nach dem politischen Prinzip der Gewaltenteilung und -verschränkung erfolgen, eine Methode, für die es bereits eine erste Anwendung für textile Webautomaten gibt.

„[Und] das vollautomatische Auto wird nicht einfach nur vollautomatisch fahren. Es wird zum Beispiel der zentrale digitale Zwilling für mobile Pflegekräfte werden und in Schwarmintelligenz mit seinen Kollegen-Fahrzeugen die gesamte Disposition, Dokumentation, Stauüberwachung, Wegeoptimierung etc. übernehmen. Die Pflegekraft kann dann einfach in das Fahrzeug einsteigen und etwa mit Skype direkt das Gespräch mit dem nächsten Patienten anfangen, den sie besucht. In diesem Fall wird dann das Fahrzeug als sozialer Roboter Teil unseres Alltags.“

Halten wir fest: Produkte werden in Zukunft als Super-Agenten agieren. Diese planen ihre Produktion und ihren Transport selbst. Sie haben Anforderungen an andere Agenten, zum Beispiel an eine Fertigungseinrichtung und sie verhandeln mit anderen Agenten über Ressourcen – auf der Straße oder in der Fertigung.“

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.